Jeremy Xido & Igor Dobricic
The Game
© Igor Dobricic
Coaching Project
Week 2, 26.7.–30.7.2010
13:00–19:00
VOP2
The Game
bist du bereit zuzugeben, dass du zwar ein/e künstler/in, aber nicht frei bist?
bist du bereit zu realisieren, dass es kein entrinnen gibt?
bist du bereit dich darum herum und heraus zu schummeln aus...
DEM SPIEL!? der produktion, der promotion, der präsentation, der interpretation...
erkenne es!
ordne es neu!
zerrütte, verdrehe, korrumpiere, wovor du nicht entkommen kannst!
lerne zu arbeiten (statt arbeit zu verrichten)
lerne dir zeit zu nehmen (statt das tempo zu halten)
lerne zu halten, was du nicht verdienen kannst
lerne dich zu bewegen, noch einmal
bleib in der mitte,
verbleibe in der mitte,
immer zwischen ankommen und aufbrechen
tanz das system, spiel das spiel mit uns.
Wir haben eine Woche um herauszufinden, wie das Spiel (mit der Produktion, der Promotion, der Präsentation und der Interpretation) läuft. Die Spielregeln zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um um diese Regeln von Innen und Außen herumzuspielen (z.B. indem man die Regeln manipuliert oder aus ihnen herausbricht) – unter Verwendung aller Hilfsmittel des Schummelns, Verführens, Erfindens und dergleichen.
Das Spiel (mit der Produktion, der Promotion, der Präsentation und der Interpretation) bewegt sich in konzentrischen Kreisen. Es beginnt mit Individuen, die durch die Tür kommen, geht auf die Gruppe über, die sie bilden, dann auf das Coaching Project selbst, dann das Festival, dann... naja, die Welt. Und wenn wir mal über das Spiel (mit der Produktion, der Promotion, der Präsentation und der Interpretation) bescheid wissen, können wir tatsächlich beginnen zu spielen... oder vielleicht werden wir durch das Spielen herausfinden wie das Spiel (mit der Produktion, der Promotion, der Präsentation und der Interpretation) geht.
Dieses Coaching Project zielt auf den Moment der Begegnung ab, der sich selbst "Workshop" nennt. Was tut jede/r Einzelne von uns in diesem Raum? Warum treffen wir uns hier? Was erwarten wir, dass passieren wird oder zu erzielen? Was erwartet das Festival von dem Workshop? Werden wir das efüllen? Werden wir entdeckt werden? Berühmt werden? Werden wir einen emotionalen Durchbruch erleben? Werden wir etwas lernen? Jemanden besiegen? Uns verlieben? Einen Moment der Schönheit erleben? Uns betrinken und irgendwo aufwachen, wo wir noch nie zuvor waren? Werden wir uns auf einen Ego-Trip begeben und versuchen zum Mittelpunkt des Festivals zu werden oder unsere Identität im Kollektiv einordnen?
Unser Ziel ist es, das eine oder andere Spiel, in dem wir verstrickt und eingesperrt sind, zu entschlüsseln und es dann für das Spielen zu öffnen. An dem Punkt, an dem die Prinzipien des Betrügers greifen und der Umsturz passiert, beginnen wir, uns auf dem feinen Grat zwischen zwei Extremen zu bewegen – der Utopie der Freiheit auf der einen Seite und der pragmatischen Praxis des "Jenseits des Gesetzes Stehens" auf der anderen Seite.
Die Bandbreite der Manövrierbarkeit pendelt zwischen dem erleuchteten Mönchen und dem Quacksalber. Und wir werden uns irgendwo dazwischen finden und versuchen, den Geist des Spielens aus den Strukturen des Spiels zu befreien, ohne aus dem Spiel, in dem wir gefangen sind, auszusteigen.
Also was werden wir in diesem Raum tun? Das hängt von den Spielregeln ab, die wir als unseren Ausgangspunkt enthüllen/festlegen und die Strategien, die wir ausarbeiten werden, sodass wir spielerisch um die Spielregeln herum tanzen können.
Das Coaching Project könnte in einem öffentlichen Showing enden. Vielleicht auch nicht. Es kommt darauf an, wie wir es spielen wollen.
Hintergrund
Der Unterschied zwischen der "Struktur des Spiels" und dem "Geist des Spielens" deutet auf das zentrale dramaturgische Zeitproblem hin, das sowohl für die Performancepraxis als auch für jegliche in unserer globalisierten Welt relevante soziale Praxis, entscheidend ist. Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied zwischen Spiel/Struktur und Spielen/Geist richten, finden wir uns in ein und derselben Geste wieder, nämlich in der Begutachtung von künstlerischer Methodologie und im Hinterfragen der daraus resultierenden politischen Verantwortung.
Wir behalten dies im Kopf und möchten eine Workshopatmosphäre schaffen, in der Diskussion und Praxis mit folgenden Annahmen stattfinden wird:
1. Die Dramaturgie betreffend, sind die Zeit des Spielens und die Zeit des Spieles an sich bedeutend unterschiedlich, obwohl sie zusammenhängen.
2. Die Zeit des Spielens hat einen primären/hervorbringenden Wert, während die Zeit des Spiels einen sekundären/hervorkommenden Wert hat.
3. Während dem Spielen breitet sich in uns der Geist der Zeit aus.
4. Während des Spiels halten wir uns an die Struktur der Zeit.
5. Der Geist der Zeit, wie er ins Spielen eingebettet ist, ist eine unbestimmte kreative Kraft.
6. Die Struktur der Zeit, wie sie im Spiel aufkommt, ist eine festgelegte/konservative Kraft.
7. Jede Spielstruktur, die nicht aus dem Geist des Spielens entsteht, ist eine potentielle Quelle für soziale, politische und ökonomische Manipulation.
8. Jede Spielstruktur, die mit dem Geist des Spielens ausgeführt wird, ist potentiell zu einem Grad unterwandernd, in dem sie in kreativer Weise ihre eigenen fixierten Parameter überschreitet.
Was du von dem Coaching Project „hast“:
ImPulsTanz hat uns ermutigt, an dieser Stelle einen Absatz hinzu zu fügen, um zu erklären, was du von diesem Coaching Project "haben" wirst. Sie begründeten dies damit, dass das bisher Geschriebene etwas zu vage ist und du einfach darüber hinweglesen und zum nächsten Coaching Project übergehen würdest. Die Pragmatiker in uns haben mit den Idealisten in uns gekämpft und auch wenn es gegen unser besseres Wissen ist, akzeptieren wir die Natur dieses besonderen Spiels, bitteschön:
In diesem Coaching Project werden wir uns mit Strategien befassen, die die Macht von Beziehungen, in die wir während unserer künstlerischen Arbeit verstrickt sind, untergraben und umkehren. Wir werden die Natur verschiedener Dinge genauer unter die Lupe nehmen:
- des Spielens (als strategisches Mittel)
- der Ausflucht / subterfuga (vom lateinischen Wort "subterfugere", jem. od. etwas entkommen oder vermeiden, oder genauer: "darunter fliehen")
- der Subversion (Versuche die Autorität von Strukturen umzustürzen)
- und der kreativen/perdönlichen Freiheit angesichts praktischer Anforderungen auf dem Markt
Wir bieten dir Möglichkeiten, besser zu verstehen wer du bist, wo du stehst und wie du mit all den Widersprüchen umgehen kannst. Wir betreten die Schnittstelle zwischen dir als KünstlerIn und dem Festival bei dem du teilnimmst und suchen nach authentischen Ausdrucksmitteln, die aus diesem Raum entstehen. Wir werden am Ende vielleicht öffentlich performen, vielleicht auch nicht. So oder so, wird es vermutlich viel Spaß machen.
Jeremy Xido
Ursprünglich aus Detroit, absolvierte Jeremy Xido seinen Abschluss cum laude in Malerei und Komparatistik an der Columbia University in New York und danach eine Schauspielausbildung am Actors Studio. Seit 2003 ist er Ko-Direktor der Performance- und Filmkompanie CABULA6, die von der angesehensten deutschsprachigen Performancezeitschrift Ballettanz zur "Kompanie des Jahres 2009" gewählt wurde. CABULA6 produziert weltweit Bühnenstücke und Filme. 2006 führte Jeremy Xido Regie für die sechsteilige Dokumentation CRIME EUROPE und 2007 für die Kurzdokumentation MACONDO über ein Flüchtlingslager außerhalb von Wien. Ebenso verwirklichte er mehrere Kurzfilme. Er ist in Europa als Performancekünstler für seine einzigartige künstlerische Sprache und seinen Zugang zur Bühne und zum Film bekannt, wobei er emotional fesselnde, sehr persönliche Geschichten mit den sozialen Hintergründen der Geschichten verschmilzt. Er arbeitet als Tänzer, Schauspieler und Filmemacher, performte und zeigte seine Arbeiten weltweit auf der Bühne, im Fernsehen und im Kino.
Igor Dobricic
Igor Dobricic, studierte Dramaturgie an der Akademie der Darstellenden Kunst in Belgrad, (Ex-) Jugoslawien. Zwischen 1995 und 1999 arbeitete er als Dramaturg für das Internationale Theater Festival in Belgrad (BITEF). Seit 1999 lebt und arbeitet er in Amsterdam. Zwischen 2000 und 2004 studierte er bei DasArts, Amsterdam. Bis Dezember 2008 arbeitete er bei der European Cultural Foundation, wo er die Projektplattform ALMOSTREAL (www.almostreal.org) initiierte. Er arbeitet als Dramaturg mit verschiedenen Choreografen zusammen (Nicole Beutler, Diego Gil, Keren Levi, Katrina Brown, u.a.). Seit über drei Jahren unterrichtet er Konzeptentwicklung an der SNDO (Amsterdam School for New Dance Development). Er arbeitet im Research-Bereich der Amsterdam School of the Arts, wo er das Projekt “Table Talks” verwirklicht.
Sein Interessensbereich umspannt die Erforschung von Parametern in der performativen Aktion zwischen verschiedenen festgelegten Produktionskontexten (Theater und bildende Kunst, professioneller oder unprofessioneller Status, Einzel- und Gruppenarbeit, Ästhetik und Ethik).
Jeremy XidoIgor Dobricic