PROGRAMM
Körper rutschen, sinken zu Boden und fangen an, ohne Grund zu zittern. Sie bewegen sich kaum von der Stelle. Ihre aus den Fugen geratene Motorik führt ein Eigenleben, das den Körper ohne feste Gestalt zurücklässt. Diese Arbeit am Körper und seiner Wahrnehmung, die er mit „mazy“ begonnen hat, will Willi Dorner mit seinem neuen Projekt „back to return“ fortsetzen. Als Forschungsprojekt bezeichnet der österreichische Choreograf sein Stück, das sich den Möglichkeiten einer umfassenden, synästhetischen Wahrnehmung öffnen will, für die ihm Körper, Tanz, Raum, Licht, Ton und digital bearbeitete Videobilder gelichermaßen zur Verfügung stehen. Um komplexere und verfeinerte Erfahrungen für die vier Tänzerinnen und die Zuschauer zu ermöglichen, hat das Projekt bis zur Aufführungsphase bereits mehrere Stadien durchlaufen. Der Erfurter Medienwissenschaftler Michael Giesecke hat in Reflexionsperioden die erarbeiteten Informationen ausgewertet und wieder ins System zurückgeführt, um dieses zu verändern. Im Vor und Zurück zwischen tänzerischer Kreativität und deren theoretischer Reflexion macht das Stück sein eigenes Gedächtnis zum Thema, ein Gedächtnis, das hier im Gegensatz zum alltäglichen Verständnis des Begriffs gerade keine sichere Identität mehr verspricht. In der permanenten Erinnerung beginnen sich die Grenzen des Ichs aufzulösen und auf überraschende Weise ständig wieder neu zu ziehen. Damit packt Willi Dorner den Zusammenhang von Wahrnehmung, Gedächtnis und Handeln an seiner Wurzel: am Körper, dessen Bilder und vorgegebene Bewegungsmuster er kontinuierlich auflöst und neu bearbeitet.
Willi Dorner hat in Wien Tanzpädagogik studiert, sich in New York und Paris fortgebildet, bevor er als Tänzer für Nina Martin und Mark Tompkins zu arbeiten begann. Seit 1990 verwirklicht er in Wien seine eigenen Projekte, die zunächst noch stark vom Tanztheater und literarischen Quellen inspiriert waren. Erst im vergangenen Jahr hat Dorner mit „mazy“ einen Neuanfang gewagt, der ihn stärker an die Wahrnehmung des Körpers heranführte. In seinem neuen Projekt „back to return“ vertieft Dorner seine Arbeit an der Spaltung des Körpers in reine Materialität und seine Repräsentation in Bildern. Von einem intentionalen, reflexiven Subjekt der Erkenntnis, für das der Körper einzig ein Werkzeug zum Erreichen eines bestimmten Ziels ist, hinter dem er als Träger und Motor eigenständiger Erfahrungen verschwindet, hat sich Dorner längst verabschiedet. Ausgehend von der Liebvorstellung des französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty begreift Dorner den Körper als Gegenstand, den sich das Ich überhaupt erst aneignen muss. So geht unsere Orientierung im Raum auf ein bestimmtes Körperschema zurück, in dem der aufrechte Körper, der auch Ballett als Grundlage dient, den Mittelpunkt bildet. Nur aufgrund dieses zentrierten Körpers kann man oben von unten, hinten von vorne und rechts von links überhaupt unterschieden. Insofern dieses Schema erlernt ist, ist dem Körper eine gewisse objektivierte Verdinglichung bereits eigen. Demgegenüber steht die Vorstellung des Leibes, der das Subjekt immer schon mit der ihn umgebenden Welt verbindet. Der Leib bestimmt durch seine über die Sinnesorgane erworbenen Wahrnehmungen unser Verhältnis zur Welt. Man ertastet sie, und im Ertasten spürt man wiederum sich selbst als Tastende(r). Die Grenze von Innen und Außen ist immer schon überschritten, weil der Leib einen Widerhall der Welt in uns erzeugt. Das leibliche Ich ist daher Subjekt und Objekt, Fühlendes und Gefühltes zugleich.
Hat die abendländische Philosophie den Gesichtssinn mit seiner metaphorischen Verbindung von Auge, Gott und Rationalität bevorzugt, stellt er doch genau den blinden Fleck der Leiblichkeit dar. So kann man immer nur von einem Punkt aus sehen, ist aber von allen Punkten im Raum aus sichtbar; man sieht durch seinen Leib zwar andere, vermag sich selbst und seine Position aber nie ganz einzusehen. So kann man sich selbst nicht ohne weiteres auf den Kopf schauen oder sich gar von hinten sehen. Das Subjekt ist demnach eingesponnen in ein Geflecht zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Ich und Anderen, die es von allen Seiten erblicken können. Dorner hebt die Dominanz des Gesichtssinns aus den Angeln, indem er in jenen Zwischenbereich des Leibes zurückgeht, der ihm andere, synästhetische Erfahrungen ermöglicht. Dieses Zurückgehen, um wiederzukommen, „back to return“, verändert dabei das Gewesene mit jeder Erinnerung. Die konsequente Wahrnehmung des Körpers, die ihr Gedächtnis immer wieder selbst überprüft, zersetzt eben diesen Körper als einheitliches Bild. Jede Wahrnehmung verfehlt bereits ihren Gegenstand aufgrund der minimalen zeitlichen Differenz zwischen dem Akt des Sehens und dem Eintreffen und Verarbeiten der Reize im Gehirn. Am Bewusstsein wird diese Differenz nachträglich korrigiert und der Gegenstand zu einem Ganzen zusammengefügt, wo eigentlich kein Ganzes existiert. Willi Dorners Arbeit knüpft an die Frage nach der Verdinglichung der Körpern und ihren Bildern an. Die Tanzmoderne hat diese Frage mit verschiedenen Gegenmodellen beantwortet: von der natürlichen fließenden Bewegung des Ausdruckstanzes bis hin zu zeitgenössischen Überlegungen nach dem Verbleib des Körpers inmitten medialer Bilder. Er reklamiert für den Tanz ein Feld der Erfahrung jenseits der bloßen Techniken, die der Körper beherrscht und die den Körper beherrschen. An die Stelle eines ganzheitlichen Körperbildes treten Zerstückelung und prozessuale Veränderungen, die keinen Stillstand und damit auch kein endgültiges Ordnungsschema kennen.
Daten:
06. August 2000, 21:00
09. August 2000, 21:00