PREVIEW 2021

Trajal Harrell, Meg Stuart, Lisbeth Gruwez – so liest sich der illustre Auftakt ins Performance-Programm von ImPulsTanz 2021: vom Akademietheater geht es ins Volkstheater zur lange erwarteten Uraufführung von CASCADE, der neuen großen Arbeit von Meg Stuart / Damaged Goods. Von der wohl wichtigsten Choreografin ihrer Generation wird ebendort eines ihrer Signature Pieces, VIOLET, aus dem Jahr 2010 zu sehen sein – ebenso wie unvergessliche [ImPulsTanz Classics] wie Maguy Marins Umwelt (2006 und 2009 bei ImPulsTanz) und die Uraufführung der Neubearbeitung von Alain Platels Gardenia – 10 years later (2010 bei ImPulsTanz) sowie im Akademietheater No Paraderan von Marco Berrettini (2006 bei ImPulsTanz). Eine aufregend unübliche Version der Goldberg-Variationen choreografiert und tanzt Michiel Vandevelde im Odeon und zum ersten Mal in Österreich mit einem Solo wird die großartige Maria Tembe aus Mozambique im Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen sein. Desweiteren verführen uns ImPulsTanz-Performances mindestens noch ins Muth, ins Leopold Museum und ins mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.

Photocredit: Michiel Vandevelde / Platform-K & Philippe Thuriot
The Goldberg Variations © Tom Callemin

Trajal Harrell (US)

ACT – Art, Climate, Transition – so die Überschrift des Rahmenprogramms, innerhalb dessen Trajal Harrells Catwalk-Stück Maggie the Cat entstanden ist. In der Welt dieses nun in Europa lebenden Choreografen, der sich einst von Georgia aus über New York auf den Weg machte, um schließlich unsere Vorstellung von Tanz zu erneuern, übersetzt sich „Transition“ in eine Wiederbegegnung mit dem tiefen Süden: Inspiriert von Maggie, der schillernden Hauptfigur aus Tennessee Williams’ Die Katze auf dem heißen Blechdach (im Film von 1958: Liz Taylor), verschiebt Harrell 2020 die Perspektive von der reichen weißen Familie auf die afroamerikanische Dienerschaft. In einem intimen Bühnensetting, welches das soziale Gefüge einer segregierten Gesellschaft ebenso offenbart wie dekonstruiert, feiert ein fantastisches Ensemble tanzend und voguend den Süden der USA – zu einem Night-on-the-Town-Soundtrack, der im Nachtclub ebenso zu Hause ist wie im Theater!

Photocredit: Tristram Kento

Meg Stuart / Damaged Goods "CASCADE" © Martin Argyroglo

Meg Stuart / Damaged Goods (DE/BE/US)

Auch in CASCADE geht es um Veränderung: Meg Stuart und sieben Tänzer*innen sind auf der Suche nach Möglichkeiten, dem Lauf der Zeit zu widerstehen und ihre Vorstellungskraft einer neuen Erde zu widmen. Im fulminanten Wechselspiel von Verweigerung und Fürsorge wird die Störung zur treibenden Kraft. Immer am Rande der Ungewissheit schwebend, fragen die Tänzer*innen, welche Träume sie aufgeben müssen, um weiter zu träumen, oder welche Körper sie brauchen, um weiterzumachen. Für CASCADE hat Meg Stuart Kollaborateur*innen aus dem gesamten Bereich der darstellenden Künste versammelt: Bühnenbildner und Theatermacher Philippe Quesne schuf ein visionäres Bühnenbild und Brendan Dougherty komponierte die Live-Musik.

Photocredit: Martin Argyroglo

Compagnie Maguy Marin "Umwelt"  © Hervé Deroo

Compagnie Maguy Marin (FR)

Bereits 2003 präsentierte die große französische Choreografin Maguy Marin ihr Stück mit dem sprechenden Titel Umwelt, dessen Radikalität die Grundlagen der Performance bis ins Mark erschütterte und das Publikum tief in eine turbulente Vision mit Körpern eintauchen ließ, die mit der Zeit ringen und inmitten einer instabilen und chaotischen Umgebung mit ihrem Selbstverständnis kämpfen. Auch heute, fast 20 Jahre später, hat diese vibrierende choreografische Reflexion über Macht, Religion, Liebe und die Gefährdung unserer Welt nichts von ihrer Wirkung verloren. Zum mächtigen Klang dreier E-Gitarren entfaltet sich durch die Körper der neun Tänzer*innen etwas wie ein Kaleidoskop immer neuer flüchtiger Wesen, die ihre Suche bis zum Ende aller Möglichkeiten fortsetzen werden. Umwelt lotet die Zukunft unserer Welt aus – in all ihrer Fragilität und Poesie.

Photocredit: Hervé Deroo

Dada Masilo "The Sacrifice" © John Hogg

Cie. Dada Masilo (ZA)

Vom Wiener Publikum gefeiert wurde die international umjubelte junge südafrikanische Choreografin bereits 2014 mit Swan Lake und 2017 mit Giselle im völlig ausverkauften Volkstheater. Nun kommt sie mit The Sacrifice zurück nach Wien: Mit 15 Tänzer*innen ihrer Johannesburger Compagnie widmet sie sich Igor Strawinskys Frühlingsopfer. Doch anstatt lediglich zu zeigen, „wie eine Auserwählte sich zu Tode tanzt“ (Masilo), geht es der hochengagierten Choreografin um mehr. Masilo verwebt das rhythmisch komplexe, ausdrucksstarke Vokabular des Tswana-Tanzes aus Botswana, wo ihre Wurzeln liegen, mit hochdynamischen Elementen aus zeitgenössischem Tanz und Ballett. Ein großartiges musikalisches Trio aus Südafrika live auf der Bühne – Meisterperkussionist Tlale Makhene, Violinist Leroy Mapholo und Sängerin und Vokalistin Ann Masina – komplettiert diesen weiteren tänzerischen Meilenstein.

Photocredit: John Hogg

Wim Vandekeybus / Ultima Vez "TRACES" © Danny Willems

Wim Vandekeybus / Ultima Vez (BE)

In TRACES, einer Suche nach den eigenen künstlerischen Spuren, kehrt Vandekeybus zu der impulsiven, unmittelbaren Energie seiner ersten Arbeiten zurück. Er tut dies heute mit verstärkter Aufmerksamkeit für die zunehmend komplexe und chaotische Realität unserer Körper. Das Ergebnis ist die Wiederentdeckung einer ebenso kraftvollen wie verletzlichen Vitalität in einer Welt technologischer und ökologischer (und nun auch pandemischer) Bedrohungen. Dabei führt uns TRACES in die Urwälder der Karpaten, dieser noch unberührten Wildnis im Herzen Europas mit ihren einzigartigen Pflanzenbeständen und Tierpopulationen. Zusammen mit elf Tänzer*innen und zur Originalmusik von Trixie Whitley, Marc Ribot, Shahzad Ismaily, Ben Perowsky und Daniel Mintseris nimmt Wim Vandekeybus uns mit auf eine ebenso zeitlose wie hochaktuelle Suche nach einer überwältigend verdrängten Natur.

Photocredit: Danny Willems

Van Laecke, Platel, Prengels – NTGent & les ballets C de la B "Gardenia – 10 years later" © Luk Monsaert

Frank Van Laecke, Alain Platel, Steven Prengels – NTGent & les ballets C de la B (BE)

Inspiriert von Sonia Herman Dolz’ Dokumentarfilm Yo soy así, in dem die Schließung des La Bodega Bohemia-Clubs in Barcelona Einblicke in das Leben einer Gruppe alternder transformistas gewährt, entsteht 2010 Gardenia. Dieses intime Stück über Hoffnung und verlorene Illusionen taucht tief in das Leben von sieben bemerkenswerten Menschen ein, begleitet von einem „jungen Mann“ und einer „echten“ Frau – der berühmten Schauspielerin Vanessa Van Durme. Es ist die Geburt, in den Worten der Kritik, einer unendlich berührenden „Sternstunde des Theaters“. Nach über 200 Vorstellungen weltweit wurden die Protagonisten im preisgekrönten Dokumentarfilm Before the last curtain wunderschön porträtiert. Nun, 10 Jahre später, ist die Besetzung der acht Überlebenden in Gardenia – 10 years later wieder vereint. Was sie verbindet, sind die Spuren ihres Lebens und der unbändige Wille, zu glänzen und noch einmal die Bühne zu erobern – in dem Wissen, dass der Preis dafür unglaublich hoch ist. Auch heute noch.

Photocredit: Luk Monsaert

Akram Khan Company "Outwitting the Devil" © Jean-Louis Fernandez

Akram Khan Company (UK)

Schon 2001, als noch sehr junger Mann, wurde Akram Khan mit seinem ersten Solo Rush im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers’ Series gefeiert. Heute sagt der für Outwitting the Devil von der Zeitschrift tanz zum Choreografen des Jahres 2020 gekürte Künstler: „Ich habe mich einer neuen Art zu tanzen geöffnet. Ich tanze meine Ideen durch die Körper anderer, auch älterer Tänzer*innen mit ihren komplexen Erfahrungen. Was bleibt, ist meine Leidenschaft für die Erkundung alter und neuer Mythen im Kontext unserer Zeit.“ Die Handlung des Stücks ist inspiriert durch ein erst 2011 entdecktes Kapitel aus dem babylonischen Epos von Gilgamesch über die brutale Zerstörung eines riesigen Zedernwaldes – Heimat wilder Wesen und Geister. Dies verärgert die Götter, die den jungen König bitter bestrafen. Dafür bringt Khan ein fantastisches, Kontinente, Generationen und Tanzstile übergreifendes Ensemble zusammen (u. a. Tanzlegende Dominique Petit). Outwitting the Devil – eine choreografische Hymne auf die Vielfalt und eine verstörende, überwältigend getanzte Version dieses „ersten Umweltgedichts der Welt“, die kaum aktueller sein könnte.

Photocredit: Jean-Louis Fernandez

Geumhyung Jeong (KR) - Spa & beauty © Tae Hwan Kim

Geumhyung Jeong (KR)

Die zugleich zarten und beunruhigenden Filme, Skulpturen, Installationen und Performances der Südkoreanerin Geumhyung Jeong sind häufig poetische Studien einer Art von Animismus, gepaart mit Roboter-Technologie. Dem Wiener Publikum wird ihre 2014 im Rahmen von [8:tension] gezeigte, hochkomische Lecture-Performance Oil Pressure Vibrator über ihre Affäre mit einem (echten) Bagger als Objekt der Begierde in faszinierter Erinnerung geblieben sein. Seither hat ihre Karriere enorm Fahrt aufgenommen – mit preisgekrönten Schauen von Seoul und Basel bis New York. Im Leopold Museum sind 2021 mit Homemade RC Toy, REHAB TRAINING und Spa & Beauty über drei Wochen lang drei ihrer Ausstellungen mit Performances zu sehen. Und auf der Bühne gibt es ein Wiedersehen mit der schillernden Kunstfigur in love mit dem Bagger sowie die österreichische Erstaufführung einer ihrer frühen Arbeiten, 7Ways.

Photocredit: Tae Hwan Kim

mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien: Sergiu Matis (DE/RO)

Inmitten einer fantastischen Klanglandschaft aus Vogelrufen, -schreien und -gesang erzählen, singen und tanzen drei grandiose Akteur*innen die Geschichten dieser Spezies. Basis dieses überraschenden Sounds sind Tonaufnahmen von ausgestorbenen und bedrohten Vogelarten aus den Archiven der Macaulay-Library am Cornell Lab of Ornithology und der Xeno Canto Foundation. Sorgfältig recherchierte wissenschaftliche Narrative werden mit Mythen verwoben, Volkslieder und -tänze zum Leben erweckt. Der rumänische Tänzer und Choreograf Sergiu Matis, der u. a. bei Sasha Waltz seine Karriere begann, sieht Extinction Room (Hopeless.) nicht zuletzt als eine engagierte Auseinandersetzung mit unseren Vorstellungen von Natur und deren Darstellung in künstlerischen und kulturellen Werken, zu einer Zeit, in der Klimawissenschaftler*innen uns allen Grund geben, in Panik zu geraten.

Photocredit: Dieter Hartwig

[8:tension] Young Choreographers’ Series: Astrit Ismaili (NL/XK)

Astrit Ismaili, queerer Visual Arts Shooting-Star der kosovarischen und mittlerweile internationalen Szene, entwickelt mit Magdalene Mitterhoffer und Ivan Cheng die Pop-Operette MISS: ein (R)Evolutionsmusical für drei Performer*innen. Von der Evolution der Pflanzen vor etwa 100 Millionen Jahren bis zu den Revolutionen von 1989 ff. verkörpern die drei Figuren etwas wie ein menschlich-nichtmenschliches Panorama der Kreativität: „The First Flower" singt von der Evolution der Blütenpflanzen und ihrer neuen Sexualität, die das Ökosystem revolutionieren wird. „Cicciolina“ vollzieht die Transition vom Porno- zum Popstar und schließlich zur Politikerin und einem Mitglied des italienischen Parlaments. Und „Miss Kosovo" ist eine fiktive Figur mit durchaus autobiografischen Zügen. Sie singt vom Kosovokrieg über die Neukonfiguration der jugoslawischen Grenzen, die Konstruktion neuer nationaler Identitäten, über Widerstand und den Kampf um Freiheit.

Photocredit: Alwin Poiana

 

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Design: CIN CIN Vienna / Photos: Ulrich Zinell / Performer: DaDa JV / 3D Make Up: Ines Alpha

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© ImPulsTanz - All rights reserved
Date: 21.04.2021, 03:55 | Link: https://www.impulstanz.com/performances/2021/preview/
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