PREVIEW 2020

© Karolina Miernik

Absage des ImPulsTanz Festivals 2020 & Verschiebung einzelner Programmpunkte

Am 17. April 2020 hat die österreichische Bundesregierung weitere Schritte im Zuge der Maßnahmen gegen COVID-19 bekannt gegeben. Diese sowie die internationale Lage, weiter bestehende massive Reisebeschränkungen und nicht einschätzbare Visaschwierigkeiten zwingen uns zu einem außerordentlich bedauernswerten, aber dennoch klaren Schritt: Die 37. Ausgabe des ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival von 9. Juli bis 9. August 2020 wird weder in der ursprünglich geplanten noch in der später adaptierten Form stattfinden können.


Mit Planungsstand Februar 2020 waren 240 Workshops und Research Projects von und mit 150 Dozent*innen aus 50 Ländern und über 100 Aufführungen von 50 internationalen und österreichischen Compagnien in Burg- und Akademietheater, Odeon, Kasino am Schwarzenbergplatz, Schauspielhaus und im Workshop-Zentrum Arsenal vorgesehen. Des Weiteren freuten wir uns über Kooperationen mit dem mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, dem Leopold Museum, dem Österreichischen Filmmuseum und dem Kunsthistorischen Museum – sowie auf einen Fokus mit Schweizer Künstler*innen, eine Kooperation mit Flandern und einen Austausch mit dem THEATRUM Festival in Moskau.

Ein neuer, großer Schwerpunkt von ImPulsTanz ist die Ausdehnung der Workshop-Reihe Public Moves, die täglich während des Festivals gratis im öffentlichen Raum stattfindet. Sie ist neben den bereits überaus erfolgreich angenommenen Orten im Anton-Benya-Park und im Wiener Prater dieses Jahr auch in der Donaustadt vorgesehen.

Weitere Orte und Formate waren in Planung. Unsere künstlerische und kreative Energie war tatsächlich noch lange nicht ausgeschöpft, als Mitte März absehbar wurde, dass wir uns eher mit einer klugen Adaption und Reduktion des Programms beschäftigen müssen, als mit weiteren Projekten: Das adaptierte Workshop-Programm mit 156 Kursen inklusive Katalog sowie eine Vorschau auf ausgewählte Performance-Highlights wurden schließlich am 9. April 2020 auf der ImPulsTanz-Website veröffentlicht.

Dass dies alles so nun nicht stattfinden kann, ist traurig. Diesen einen, emotionalen Moment möchten wir uns erlauben, während wir – wie so viele – damit beschäftigt sind, die allgemeine Lage und besonders unsere Rolle in dieser Zeit zu verstehen: als internationales Festival, das seit jeher für Sinnlichkeit, Kontakt, Begegnung, Lebensfreude und zeitgenössische, lustvolle und kritische Begleitung unserer Gegenwart steht. Dazu gehört auch die Verantwortung gegenüber Künstler*innen, Mitarbeiter*innen, Gästen und dem Publikum. In diesem Sinne folgen wir mit der Absage des geplanten Programms den Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung. Gleichzeitig unterstützen wir die vielfältigen, auch internationalen zivilgesellschaftlichen und künstlerischen Aktivitäten im Umgang mit COVID-19.

Wie es nun weitergeht, diskutieren wir zurzeit intensiv mit Künstler*innen, Fördergebern, den Kooperationspartner*innen und den Häusern, bei denen wir zu Gast sind. Gerade das ImPulsTanz Festival – wie auch unsere gesamte Kunstform – lebt von Live-Atmosphäre, Diversität und internationalem, transkulturellem Austausch. So setzen wir alles daran, diese Atmosphäre, wenn irgend möglich, mit Public Moves im Sommer und gemeinsam mit unseren Museumspartnern im Herbst aufleben zu lassen. Das Programm von 2020 wird für ImPulsTanz 2021 (15. Juli bis 15. August) in weiten Teilen aufrechterhalten. Dennoch ist es wichtig, für neue künstlerische Arbeiten, die auch als Reaktion auf diese Krise erst entstehen werden, für das kommende Programm offen zu sein.

An dieser Stelle möchten wir uns auch bei all unseren Fördergebern, der Stadt Wien, dem Bundesministerium und dem EU-Kulturprogramm Kreatives Europa, all unseren Sponsoren und Partnern, bei der Presse und vor allem bei unserem Publikum für ihre Unterstützung bedanken. Zudem freuen wir uns über das rege Interesse an unserem veröffentlichten Workshop-Programm, das zeigt, wie wichtig Social und Physical Contact und generell Bewegung, Kunst und Kultur sind.

Wir freuen uns wieder gemeinsam zu tanzen und halten euch auf dem Laufenden.
Euer ImPulsTanz-Team

Photocredit: Karolina Miernik
Liquid Loft / Chris Haring "Candy's Camouflage" © Chris Haring

Liquid Loft / Chris Haring (AT)

Unter dem gnadenlosen Motto „Fake it till you make it“ feiert eine der international renommiertesten österreichischen Tanzcompagnien, die Gruppe Liquid Loft um Choreograf Chris Haring, dieses Jahr ihr 15-jähriges Bestehen. Bei ImPulsTanz 2020 werden diese Meister*innen der sinnlich-allzu sinnlichen Utopie gebührend gewürdigt: Liquid Loft kommen mit einer Premiere und zwei „Klassikern“!

Beinahe Kultstatus: Liquid Lofts Posing Project B - The Art of Seduction, 2007 bei der Biennale di Venezia mit dem Goldenen Löwen für die beste Performance ausgezeichnet, wird erstmals seit 2008 wieder zu sehen sein. Im Rahmen unserer Kooperation mit dem mumok, welches eine große Hommage an Andy Warhol aufbietet, darf natürlich auch ein [ImPulsTanz Classic] aus Liquid Loft's Warhol-Trilogie nicht fehlen: Candy’s Camouflage kommt nach seinem außerordentlichen Erfolg im Rahmen der ORF Langen Nacht der Museen 2016 noch einmal ins mumok. Und nicht zuletzt freuen wir uns auf die Weltpremiere von BLUE MOON you saw …, so der Titel ihrer neuesten großen Kreation.


Die Pose ist nicht starr; sie erzittert am Gipfel der Eigenbewegung, da, wo der Körper für andere zum Bild wird und sich so zu erkennen gibt.

So lautet die verführerische Eingangsthese zu Liquid Lofts grandiosem Spiel mit und um The Art of Seduction. „Das Spiel der Verführung ist komplex ... Verführung will eine Verbindung herbeiführen mittels gegenseitiger Irreführung.” Und wer könnte das besser als die großartigen Performer*innen von Liquid Loft, hier in einem Setting zwischen Installation und Tanz, in dem sie zu den irreführend-perfekten Sound-Lip-Synch-Spielen von Andreas Berger lockend uns, das Publikum, umkreisen? Posing Project B wandert nach Zwischenspielen im Semper Depot (2007) und in der Halle E (2008) nun ins wunderbare Odeon. Und es wird sich herausstellen, ob und wie zeitlos Verführung geht! 

Mit Referenzen zum Film noir und der Warhol-Factory werden im Trio Candy’s Camouflage Projektionen des Femininen – oder was man dafür halten mag – aufgeboten; trügerische Stereotypen und brüchige Klischees werden Belastungstests unterzogen. Zurück bleibt ein verzückendes Instrumentarium des Tarnens und Täuschens, das die Möglichkeit gibt, sich selbst immer wieder aufs Neue zu entwerfen. Stetige Verwandlung ist hier Grundbedingung, Mutation Programm. 

In ihrer neuen Arbeit, BLUE MOON you saw … befindet sich Liquid Loft „in einer Welt der ständigen Gegenwart. Es ist eine Welt, die sich in jedem Augenblick selbst genügt, die jede Zuflucht zu Erinnerungen unmöglich macht. In dieser Welt finden sich posthumanistische Denkansätze und visuelle Bezüge zur Nouvelle Vague. Auf der Suche nach verlorenen kulturellen Referenzen schlittert Liquid Loft dabei durch Rituale, die keiner offensichtlichen Liturgie folgen und stößt auf die Ambivalenz der Verweigerung und die Poesie der Distanz.“ (Liquid Loft) 

Wir nun haben der Poesie der Distanz nichts weiter hinzuzufügen, außer vielleicht: ja, bitte, immer mehr davon, auf weitere mindestens 15 Jahre, zusammen mit Liquid Loft!

Photocredit: Chris Haring
Geumhyung Jeong (KR) - Spa & beauty © Tae Hwan Kim

Geumhyung Jeong (KR)

Die zugleich zarten und beunruhigenden Filme, Skulpturen, Installationen und Performances der Südkoreanerin Geumhyung Jeong, einer der aufregendsten Künstler*innen ihrer Generation, sind häufig poetische Studien einer Art von Animismus. ImPulsTanz präsentiert 2020 in Kooperation mit dem Leopold Museum eine Werkschau der bildenden Künstlerin, Performerin und Tänzerin. Erstmals in dieser Dichte sind fünf ihrer international begeistert aufgenommenen Arbeiten für Bühne und Museum zu sehen.

Dem Wiener Publikum wird ihre 2014 im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers’ Serie gezeigte hochkomische Lecture Performance Oil Pressure Vibrator über ihre Affäre mit einem (echten) Bagger als Objekt der Begierde in faszinierter Erinnerung geblieben sein. Seither hat die Karriere der Südkoreanerin enorm Fahrt aufgenommen – mit preisgekrönten Schauen von Seoul bis New York. Im Leopold Museum sind heuer mit Homemade RC Toy, REHAB TRAINING und Spa & Beauty über drei Wochen lang drei ihrer Ausstellungen mit Performances zu sehen. Ein Wiedersehen mit der schillernden Kunstfigur in love mit dem Bagger gibt es im Wiener Schauspielhaus und im Kasino am Schwarzenbergplatz erwartet uns die österreichische Erstaufführung einer ihrer frühen Arbeiten, 7Ways.


Geumhyung Jeong geht es um die Beziehungen zwischen dem menschlichen Körper und den Dingen, die ihn umgeben. Dabei wirft sie sich selbst in exakt choreografierte, intensive und häufig riskante Interaktionen mit alltäglichen Gegenständen und verleiht diesen ein bizarres, beunruhigendes Leben.

Homemade RC Toy, eine groß angelegte Installation aus zahlreichen, DIY-mäßig selbst gebauten Roboterskulpturen und Kurzfilmen von seltsamen Choreografien, denen sie diese Körper unterzieht, entfaltet die geradezu bezaubernde Erotik eines „technischen Animismus“. Ihr Ensemble aus Homemade Toys und dem Körper der Künstlerin – die Ausstellung ist zugleich Bühne für ihre neueste Live-Performance – hinterfragt die Grenzen zwischen Wunsch und Kontrolle, Mensch und Maschine, belebt und unbelebt.

In REHAB TRAINING hat Jeong dafür ein maßgeschneidertes Reha-Programm für eine lebensgroße Puppe entwickelt. Ausgewählte Hilfsmittel und Rehabilitationsgeräte dienen zur Optimierung ihrer Körperfunktionen und Bewegungsfähigkeiten. Doch im Lauf der Zeit wird dieses anorganische Objekt zur eigenen Lebensform. Wer kontrolliert nun wen? Und wie sollen wir diese Beziehung definieren, wenn die Grenze zwischen Subjekt und Objekt nicht mehr klar ist?

Diese verschwimmt auch in der Installation Spa & Beauty. Hier geht es um die allgegenwärtige Industrie der Schönheits- und Körperpflegeprodukte – Bürsten und Schwämme, Lotionen und Tinkturen werden zu künstlerischen Objekten und in Bezug auf ihre Benutzer*innen – also uns – untersucht. Dabei bewegt sich jedes dieser Manöver auf Messers Schneide zwischen Erotik und Gewalt, Humor und Unheimlichem. Im Zeitalter des Digitalen und Virtuellen rückt Jeong uns auf den Pelz und erinnert durch die Verwendung von plastischen Materialien und einer Mechanik, die direkt in ihren Körper eingreift, an all die Wechselbeziehungen, die sich dennoch real und physisch manifestieren. Über Perspektiven des Persönlichen hinaus reflektiert die Ausstellung (mit Live-Demonstrationen der Künstlerin) die sich grundlegend verändernde gesellschaftliche Beziehung zwischen Betrachter*in und Betrachtetem, Akteur*in und Konsument*in, Mensch und Objekt – auch und besonders in Zeiten von Selbst-Isolation und Physical Distancing! 

Und was kann noch kommen, nach Mette Ingvartsens 7 Pleasures, die wir im letzten Jahr im Volkstheater bestaunen konnten? Die 7Ways von Geumhyung Jeong: 7 eigentümliche Duette der Künstlerin mit Objekten, die das Potenzial des Körpers erforschen – seine Sinnlichkeit, seine Fähigkeit, die Umgebung zu verändern und selbst durch die Kraft des Begehrens Verwandlungen zu erfahren. Trotz ihrer fast  brutalen Einfachheit ist auch diese frühe Performance von Jeong ein poetisch-amüsantes kleines Meisterwerk über die so verwirrende und immer drängendere Frage nach den materiellen und imaginären Grenzen zwischen Körpern und Maschinen.

Photocredit: Tae Hwan Kim
Dada Masilo „The Sacrifice“ © John Hogg

Cie. Dada Masilo (ZA)

Vom Wiener Publikum gefeiert wurde die international umjubelte junge südafrikanische Choreografin bereits 2014 und 2017 im völlig ausverkauften Volkstheater. Nun kommt sie nach Swan Lake und Giselle mit ihrer brandneuen Arbeit The Sacrifice zurück nach Wien, diesmal auf die große Bühne des Burgtheaters.


Berühmt geworden ist die im Township Soweto aufgewachsene Tänzerin und Choreografin in Arbeiten von William Kentridge und mit ihren fulminanten Neuschreibungen der romantischen Ballettklassiker Schwanensee und Giselle. Nun geht sie einen historischen Schritt weiter und widmet sich mit 15 Tänzer*innen ihrer Johannesburger Compagnie und drei Live-Musiker*innen Igor Strawinskys Frühlingsopfer von 1913 – sicher eines der am meisten re-inszenierten Stücke des modernen Balletts. Masilo entwickelte ihre Faszination für diesen Stoff, als sie während ihres Studiums in Brüssel an der Schule von Anne Teresa De Keersmaeker, P.A.R.T.S, Teile von Pina Bauschs legendärer Sacre-Inszenierung kennenlernte und probte.

Seither ist Masilo begeistert von Strawinskys komplexen, treibenden Rhythmen. Doch anstatt lediglich zu zeigen, „wie eine Auserwählte, das Frühlingsopfer, sich zu Tode tanzt“, geht es der hochengagierten Choreografin, die schon zuvor die romantischen Stoffe für höchst aktuelle Fragen wie Geschlechterrollen oder die Repräsentation von Homosexualität geöffnet hat, um mehr: ihr Vorhaben wirkt wie ein Echolot in die Tiefenschichten dieses berühmtesten Rituals der Tanzgeschichte.

Gemeinsam mit dem Ensemble erforscht Dada Masilo die Tänze und Rituale des Tswana-Tanzes aus Botswana, wo ihre Wurzeln liegen. Ihre Choreografie verwebt deren einzigartig rhythmisches, ausdrucksstarkes Vokabular, das auch zum Heilen und Geschichten erzählen verwendet wird, mit hochdynamischen Elementen von zeitgenössischem Tanz und Ballett. Erarbeitet und aufgeführt wird diese mit größter Spannung für April 2020 erwartete Premiere mit dem Komponisten Philip Miller, der sonst u. a. mit William Kentridge zusammenarbeitet, und einem großartigen südafrikanischen musikalischen Trio: dem Meisterperkussionisten Tlale Makhene, dem Violinisten Leroy Mapholo und der Sängerin und Vokalistin Ann Masina. Wir freuen uns auf einen weiteren tänzerischen Meilenstein dieser aufregenden Choreografin!

Photocredit: John Hogg
Akram Khan Company "Outwitting the Devil" © Jean-Louis Fernandez

Akram Khan Company (UK)

Nacht für Nacht träume ich den gleichen Traum:
Ich – jung, unsterblich, eine Axt in der Hand.
Der junge Mann kann sich den alten, der er sein wird, nicht vorstellen.


Als noch sehr junger Mann, genauer im Jahr 2001, wurde Akram Khan bereits mit seinem ersten Stück Rush im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers’ Series bei ImPulsTanz gefeiert. Nun, zum 20-jährigen Jubiläum seiner weltweit umjubelten Compagnie, kommt er wieder zu ImPulsTanz ins Burgtheater. Vertical Road, die Arbeit, mit der er das Wiener Publikum 2011 buchstäblich zu Tränen rührte, verband zeitgenössischen Tanz auf schwindelerregendem Niveau mit den spirituellen Dimensionen des Sufi-Tanzes.

Seine jüngste Arbeit Outwitting the Devil („Den Teufel überlisten“), uraufgeführt im Herbst 2019, markiert eine neue Phase im künstlerischen Schaffen des heute Mitte 40-jährigen Starchoreografen, der sich spätestens mit seiner Choreografie zur Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 in London einem sehr breiten Publikum ins Gedächtnis gebrannt hat:


„Ich habe mich einer neuen Art zu tanzen geöffnet. Ich tanze meine Ideen durch die Körper anderer, auch älterer Tänzer*innen mit ihren eigenen Geschichten und komplexen emotionalen Erfahrungen. Was aber bleibt, ist meine Leidenschaft für die Erkundung alter und neuer Mythen im Kontext unserer Zeit.“ (Akram Khan)

Gleich drei Quellen stehen Pate für sein neues Meisterwerk. Die Handlung ist inspiriert durch ein erst 2011 entdecktes Fragment des babylonischen Epos von Gilgamesch, eines der ältesten überlieferten Werke der Weltliteratur. Es ist ein gewalttätiges Kapitel aus dem Leben des jungen Gilgamesch, erzählt von seinem älteren, sterbenden Selbst (Performer: Dominique Petit), über die brutale Zerstörung eines riesigen Zedernwaldes – Heimat wilder Wesen und Geister. Dies verärgert die Götter, die den jungen König bitter bestrafen. 

Dafür bringt Khan ein fantastisches, Kontinente, Generationen und Tanzstile übergreifendes Ensemble aus sechs Künstler*innen zusammen, unter anderen die französische Tanzlegende Dominique Petit. Das Bühnenbild wiederum ist inspiriert von Das Letzte Abendmahl, oder genauer, von Susan Dorothea Whites The First Supper als Reaktion auf Leonardo da Vincis ikonisches Gemälde, das Frauen unterschiedlichster Kulturen am Tisch versammelt. White wollte die Annahmen patriarchalischer Religionen in Frage stellen. Denn, so Khan: „Es kommt darauf an, wie wir die Geschichten unserer Mythen erzählen: Unsere Glaubenssysteme und unsere Machtformen werden auch davon bestimmt, wer am Tisch sitzt.“ 

So ist Outwitting the Devil sowohl eine choreografische Hymne auf die Vielfalt wie eine verstörende und überwältigend getanzte Version dieses „ersten Umweltgedichts der Welt“, die kaum aktueller sein könnte – „ein im Dunkeln zusammengesetztes Puzzle, das erzählt, wer wir einst waren und wieder werden können.“

Photocredit: Jean-Louis Fernandez
Wim Vandekeybus / Ultima Vez "TRACES" © Danny Willems

Wim Vandekeybus / Ultima Vez (BE)

In seiner jüngsten Produktion macht sich Wim Vandekeybus auf die Suche nach den Spuren seiner vergangenen Arbeiten. Und nachdem der berühmte flämische Choreograf diese auf höchst eindrucksvolle Weise auch in Wien und bei einem begeisterten Publikum hinterlassen hat, scheint es uns zwingend, diese hochdynamische Arbeit auf der Bühne des Burgtheaters zu präsentieren: Schließlich ist Vandekeybus mit seiner Compagnie Ultima Vez seit seinen Anfängen 1989 mit über 25 Produktionen, Filmarbeiten und Research Projects bei ImPulsTanz zu Gast – zuletzt 2019 mit dem gefeierten Go Figure Out Yourself in der mumok Hofstallung.


In TRACES geht Vandekeybus seinen anfänglichen und prägenden Intuitionen nach. In seinen letzten Stücken standen verstärkt Geschichten im Mittelpunkt. Hier nun kehrt er wieder zum Körper zurück – zu den instinktiven Impulsen, den atemraubenden Reaktionen und der unmittelbaren Energie seiner ersten Aufführungen. Er tut dies heute mit verstärkter Aufmerksamkeit für die zunehmend komplexe und chaotische Realität unserer Körper. Das Ergebnis ist die Wiederentdeckung einer ebenso kraftvollen wie verletzlichen Vitalität in einer Welt technologischer und ökologischer Bedrohungen. 

TRACES, entstanden für das internationale Europalia Romania Festival, führt uns in die überwältigende Naturlandschaft Rumäniens, zu der auch die letzten Urwälder Europas gehören. In den Karpaten, dieser noch vollständig unberührten Wildnis im Herzen Europas mit ihren einzigartigen Pflanzenbeständen und Braunbär-, Wolfs- und Luchspopulationen, sucht Vandekeybus nach Spuren, die älter sind als der Mensch und seine Erinnerung. Wie viel Natur lebt noch im Menschen? Wie viel Tier im menschlichen Körper? Und was passiert, wenn dies gefährdet oder in Gefahr ist? Wenn wir intuitiv Entscheidungen treffen müssen, um zu überleben?

Fragen, die sich angesichts der Corona-Krise, die wir eben durchleben, plötzlich besonders konkret und intim für jede*n von uns stellen. Bei Vandekeybus wird dies zu einer inneren Geschichte, die sich jenseits von Sprache entfaltet und nur im Puls von Tanz und Musik erzählt werden kann. Zusammen mit elf großartigen Tänzer*innen auf der Bühne und zur Originalmusik von fünf Musiker*innen unter der Leitung von Marc Ribot und Trixie Whitley nimmt Wim Vandekeybus uns mit auf eine so zeitlose wie hochaktuelle Suche nach einer überwältigend verdrängten Natur.

Photocredit: Danny Willems
 

GOOD TO KNOW

Designed by CIN CIN, cincin.at / Photos by Ulrich Zinell / Performers: Elizabeth Ward & *mirabella paidamwoyo dziruni*

Workshop-Katalog zum Download

Für Profis, Neutänzer*innen, dauerhaft Begeisterte und Wiederauffrischer*innen: Alle Workshops und Research Projects findet ihr in unserem neuen Katalog. DOWNLOAD

© ImPulsTanz - All rights reserved
Date: 29.05.2020, 21:55 | Link: https://www.impulstanz.com/performances/2020/preview/
NEWSLETTER ABONNIERENPROGRAMM BESTELLEN
© ImPulsTanz - Vienna International Dance Festival