Nachruf auf Daniel Aschwanden

Daniel Aschwanden "Goldberg 365" © Christian Houdek
Daniel Aschwanden "Goldberg 365" © Christian Houdek

Daniel Aschwanden war einer der Wegbereiter der Wiener freien Szene und hat diese maßgeblich und auf vielfältigsten Ebenen über Jahrzehnte geprägt. Wir sind dankbar für seine Visionen, seine Kunst, seine Gedanken und sein Engagement in dieser Stadt, mit denen er seit 1993 auch das ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival immer wieder belebt und inspiriert hat – sei es mit der Compagnie Bilderwerfer, mit seinen visionären Projekten mit Geflüchteten oder in der Seestadt Aspern und zuletzt mit seinen Workshops mit der Zeichnerin Barbara Eichhorn. Er ist uns zudem mit seiner ganz persönlichen Art zu Tanzen unvergessen – wie zuletzt 2017 beim Festival im 48-Tandler der MA 48, wo er als Hommage an Steve Paxton seine wunderbare und ganz eigene Version von Bachs Goldberg-Variationen – Goldberg 365– mit uns und dem Publikum teilte. Nun ist es an uns, Daniel Tribut zu zollen.

Wir fühlen uns den Anliegen, für die er sich sein Leben lang leidenschaftlich künstlerisch und kulturpolitisch eingesetzt hat, verbunden und werden sein Engagement für die Kunst und für ein gutes Zusammenleben nicht vergessen.

Daniel Aschwanden war Performer, Choreograf, Urban Practitioner und Lehrer im Feld von zeitgenössischer Performance und Tanz. Häufig war er der Zeit voraus, wie etwa mit seiner kollaborativen Performancepraxis mit Performer*innen mit und ohne Behinderung in den 1990er Jahren oder in der Entwicklung der Kunst als Form der aktiven Stadt(mit)entwicklung, wie unter anderem mit dem Zwischennutzungsprojekt Aspern Seestadt PUBLIK.

Geboren 1959 in der Schweiz, kam er 1984 nach Wien um am Dramatischen Zentrum Experimentelles Theater zu studieren. Nach seinem Aufenthalt auf der Body Weather Farm des japanischen Tänzers Min Tanaka in Japan initiierte er das Forschungs- und Performance-Kollektiv Körperwetter Wien (1986–1990).
1988 gründete Daniel Aschwanden mit Tanzsprache im Wiener WUK das erste Tanz-Performance-Festival der Wiener freien Szene und leitete dieses bis 1994. Mit dem österreichischen mixed-abled Tanzensemble Bilderwerfer – einem kollaborativen Projekt von behinderten und nichtbehinderten Performer*innen – entwickelte er neue künstlerische Wege an der Nahtstelle von Kunst und Sozialem und erhielt dafür den Staatspreis des Österreichischen Bundesministeriums für Kunst für innovative und richtungsweisende Leistungen.  Nach der Zeit mit Bilderwerfer arbeitete Daniel zu Fragestellungen von (darstellender) Kunst im öffentlichen Raum mit partizipatorischen Ansätzen, aber auch zu Fragen nach der Rolle von Kunst in urbanen Entwicklungsprozessen. Von März 2016 bis März 2017 performte er mit Goldberg 365 ein Jahr lang täglich im Wiener Stadtraum und in anderen Städten. Er tanzte dabei in 365 Performances zur Musik von Bach und protokollierte zugleich seine urbanen Beobachtungen. Anschließend begann er mit Dog_men zwischen Peking und Wien mit neuen urbanen Mythologien entlang des Jahrtausende alten P‘an Hu Kultes von Minderheiten in China wie z. B. den Yao oder Miao Stämmen zu experimentieren.

Eingebunden in unzählige Arbeitspartnerschaften, Plattformen und Kollektive realisierte er transdisziplinär angelegte Aktionsformen, hybride Ausstellungsformate und Projekte in China (Peking, Shanghai u. a.), Afrika (Accra, Addis Abeba) und in Europa, etwa in Schweden, Norwegen, Russland, Frankreich, Spanien und Österreich, als experimentelle Befragungen des kollektiven Gedächtnisses und Ausloten der Grenzen von Privatem und Öffentlichem.

Seit 2009 war Daniel Aschwanden als Dozent und Senior Artist an der Universität für angewandte Kunst Wien vielen Studierenden ein wichtiger künstlerischer Impulsgeber. Seit 2013 war er dort geladener Experte mit Schwerpunkt Performance im Bereich Social Design, wie auch Mitinitiator des neugegründeten Angewandte Performance Labs.

Daniel Aschwanden war Jahrzehnte lang Mitgründer unzähliger kulturpolitischer Gremien und Initiativen und zeit seines Lebens aktiv und engagiert für die Kunst und für alle tätig. Ende der 1990er Jahre war er Mitglied der Choreograf*innen Plattform Wien, die sich für die Realisierung eines Tanzhauses (Tanzquartier Wien) und somit für die Anerkennung und Institutionalisierung von Tanz und Performance in Wien einsetzte. Er war Mitinitiator und künstlerischer Leiter des Kabelwerks (heute Werk X), wie auch aktiv in der 2017 gegründeten Künstler*innen Plattform Wiener Perspektive, um nur einige Beispiele zu nennen. 2020 erhielt er das goldene Verdienstzeichen für Kunst und Kultur der Stadt Wien für seine künstlerische Lebensleistung.

Wir werden diesen so unbändig kreativen, so freundlichen und doch so unermüdlich und beharrlich kämpfenden Künstler und Freund schmerzlich vermissen. 

 

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Date: 06.08.2021, 03:14 | Link: https://www.impulstanz.com/news/aid7652/
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