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RESEARCH 2011

Timotheus Tomicek
© Timotheus Tomicek
CoachingProject: 8.-12. August 2011

Yosi Wanunu

The Personal is not Political, the Political is Political
Delusions of grandeur, a political resumé!


Ich trat mit Mutter Theresa in einen Hungerstreik. Ich teilte eine Gefängniszelle mit Nelson Mandela. Ich schloss mich den sudanesischen Piraten im Arabischen Meer an. Ich war der letzte überlebende tamilische Rebell in Sri Lanka. Ich schoss auf Ronald Reagan. Ich war der erste Mensch, der ein Loch in die Berliner Mauer schlug. Ich war Teil des Exekutionskommandos, das auf Nicolae Ceau?escu schoss. Ich brachte Frieden in den Nahen Osten. Ich gründete die Gewerkschaft für die Gastarbeiter in Dubai. Ich fuhr mit Che Guevara Motorrad. Ich schrieb Obamas Rede: Yes, we can. Ich überzeugte die Hutus und die Tutsis davon, miteinander zu reden. Ich rettete die ausgestorbene Population des Weissen Nashorns. Ich sorgte für die Erderwärmung. Ich grenzte die Globalisierung ein. Ich bin verantwortlich für Griechenlands Schulden. Ich arbeitete für 50 Cents im Monat in einer chinesischen Fabrik. Ich entschuldigte mich bei den Aborigines in Australien. Ich versorgte Silvio Berlusconi mit Unterhaltung. Ich las Angela Merkel aus der Bibel vor. Ich half Tony Blair den dritten Weg zu finden. Ich las George H.W. Bushs Lippen. Mein Gesicht war das erste auf facebook. Ich und Al Gore erfanden das Internet. Ich war Warren Buffetts geheimer Finanzberater. Ich bin Fidel Castros Nachfolger. Ich war der Kampagnenleiter von Hugo Chavez. Ich war der einzige Gefangene, der aus Guantanamo Bay fliehen konnte. Ich tanzte auf den Dächern Kairos. Ich habe seither nicht aufgehört zu tanzen. (PS: Ich bin der schlechteste politische Tänzer der Welt).

Das Persönliche ist nicht Politisch, das Politische ist Politisch.
(Die „großen“ Fragen von Performance heute)
Viele würden behaupten, dass Performance an sich schon politisch ist. Ich bin nicht einverstanden mit der unmissverständlichen Art dieser Behauptung. Ich glaube, dass Performancekunst oft ethische Urteile beinhaltet und dadurch vom Publikum für politische Zwecke eingesetzt wird. Auf der einen Seite könnte alles politisiert werden. Auf der anderen Seite, sollte ein Unterschied gemacht werden, was genau und wann etwas politisiert wird, oder eben nicht, und für wen es bestimmt ist. Dies wiederum ist nicht durch politisches Theoretisieren festgelegt, sondern durch moralisches Urteil. Trotz Foucaults Konzentration auf „Mikropolitik“, die meist so treffend mit monologischen Varianten von theatralisierten Widerstandsgesten zusammenpasst, ist es, etwas als politisch effektiv zu bezeichnen – ob in kritischem oder positivem Sinne – immer an Rechtssysteme und -grundlagen geknüpft, die erst geschaffen oder widerlegt werden müssen. In der Gesellschaft sind es ethische Normen, die debatiert werden müssen.
Meine Erläuterung mag mehr auf das Performen von Politik, als auf die Politik von Performance abzielen, allerdings wird ohne das Wissen über die eine, die Praxis der anderen Variante, in ihrem Vorhaben eher scheitern. Für Menschen, die in einem totalitären Regime gelebt haben, hat der Satz „das Persönliche ist das Politische“ keinen befreienden Beigeschmack, es bedeutet eher das Gegenteil.
Die antirealistische Avantgarde wird kein breitgefächertes Publikum erreichen, wenn es lediglich an der Dekonstruktion von performativen Normen als primären politischen Akt, festhält. Selbst wenn es ein breiteres Publikum erreichen sollte, stünde ihre eigene Integrität in Frage. Die antirealistische Avantgarde begreift sich als Vorreiter des politischen Lebens. Allerdings kann demokratische politische Veränderung nicht ohne der breiten Masse geschehen. Daher muss antirealistische Avantgarde, um eine richtige politische Kerbe zu schlagen, eine Vermittlerrolle einnehmen, die einen Teil ihrer kritischen politischen Aussage einer größeren Anhängerschaft übermittelt, statt in ihrem andauernden, selbst-vergegenständlichten, grenzwertigen Zustand zu verharren. Deshalb wird diese Avantgarde zu dem, was sie verhassterweise als „realistisch“ bezeichnet.
Was wir der Ehre halber als „politisch“ bezeichnen, kann eine große Bedeutung haben, und so ist es auch. So, wie sich jemand benimmt, der sich aus einem Unrecht heraus aufplustert um bemerkt zu werden, ohne einem Gedanken an die Möglichkeit einer Wiedergutmachung oder wie er/sie wieder Kontrolle über sein/ihr Leben zurückgewinnt, geblendet vom momentanen Wutausbruch. Genauso werden auch monologische theatralisierte Effekte und Strategien wirken, ohne ihren Zweck zu erfüllen, es sei denn sie können ab einem gewissen Punkt in einen Dialog, in Kommunikation umgewandelt werden, und über die rhethorischen Grenzen ihrer Performer und Anhänger hinweg sprechen.
Dieses Coaching Project ist für alle PerformancekünstlerInnen, die an einem nochmaligen Hinterfragen von politischer Performance interessiert sind, und diejenigen, die sich zurzeit mit politischen Themen beschäftigen.

Yosi Wanunu ist Regisseur, studierte Kunstgeschichte, Theater und Film in Israel, Europa und den USA. Vor seinem Umzug nach Wien im Jahr 1997 lebte und arbeitete er acht Jahre lang in NYC, u.a. im BCBC, im Ohio Theatre, La Mama ETC, im Here und im Ontological-Hysteric Theatre von Richard Foreman. Er ist Mitbegründer und künstlerischer Leiter des Labels toxic dreams, mit dem er seit 1998 mehr als dreißig Eigenproduktionen realisierte. Im Rahmen des aktuellen Arbeitszyklus über Politik und Theater zuletzt die Arbeiten „The Art of War“, „Toxic Davos“ und „The 100 % Environmentally Friendly Show“. Er arbeitet außerdem mit anderen freien Gruppen und PerformerInnen in Europa.


ArtistBio: Yosi Wanunu

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