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PERFORMANCES 2000

© Rosas
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Rosas & Tg. STAN & AKA Moon (BE)

In Real Time

Sie liebt die Form, und doch ist ihr das Leben wichtig. Als Anne Teresa de Keersmaeker 1982 aus New York zurückkam, wo sie ein Jahr lang an der „Tisch School oft he Arts“ studiert hatte, trug sie den Minimalismus im Gepäck. „ Fase, four movements tot he music of Steve Reich“ hieß das Duo, das si noch heute  zusammen mit Michéle Ann de Mey tanzt: vier Teile, die sich an vier musikalischen Variationenen von Reich orientieren, indem sie deren Verschiebungen durch streng gegliederte reduzierte Bewegungen wie synchrone Armschwünge, halbe Drehungen oder leichtes Hüpfen im Tanz spiegeln. „Fase“ machte Anne Teresa De Keersmaeker auf einen Schlag berühmt. Ein Jahr später gründete sie ihre eigene Kompagnie Rosas. Seit 1992 ist das Ensemble an die königliche Oper in Brüssel, de Munt, angegliedert und Anne Teresa De Keersmaeker damit Nachfolgerin von Mark Morris und Maurice Béjart, bei dem sie Ende der siebziger Jahre selbst studierte. Auf eine höchst eigensinnige und hintergründige Art, die man ihren Choreografien nie absprechen kann, bricht sie die glatte Oberfläche des Minimalismus auf, um in der strengen Form einen Innenraum für Emotionen zu öffnen. Durch die starke Struktur hindurch, die De Keersmaeker in der Vergangenheit stets aus der detaillierten Analyse der Musik gewann, wird die Persönlichkeit des Tänzers oder der Tänzerin plötzlich sichtbar. Das Zufällige, Individuelle hält Einzug in ihre Choreografien, die damit wesentlich dramatischere Akzente setzen als vergleichbare Arbeiten von Lucinda Childs. Form und Gefühl – bei Anne Teresa De Keersmaeker sind sie eins.

Dass Anne Teresa De Keersmaeker in ihren letzten Arbeiten den menschlichen Befindlichkeiten einen größeren Platz einräumt, scheint aus der inneren Logik ihres Tanzverständnisses heraus nur konsequent. „In Real Time“ nimmt diese neue Herausforderung an. Zum ersten Mal arbeitet die Choreografin für ein großes Projekt mit dem Schauspielkolletkiv Tg. STAN zusammen, das 1989 von Frank Vercruyssen, Damiaan De Schrijver, Dara de Roo und ihrer Schwester Jolente De Keersmaeker gegründet wurde und das der Erforschung und Darstellung der Wünsche, Sehnsüchte und Ängste auf der Bühne eine neue Dimension hinzufügt. Unterstützt werden die beiden Ensembles dabei von den Brüsseler Musikern der Gruppe AKA Moon, die mit Rosas schon für „I Said I“ nach Peter Handkes „Selbstbezichtigung“ zusammengearbeitet haben. Doch „In Real Time“ liegt weder ein vorgängiger Dramentext, der inszeniert würde, noch eine fertige Partitur zugrunde, die Anne Teresa De Keersmaeker analysieren könne, um daraus tänzerische Strukturen zu gewinnen. Die Spannungen und Widersprüche zwischen Tanz, Text und Musik lieben bei „In Real Time“ offener zu Tage als je zuvor. Der unendlich flüssige Grundstrom von De Keersmaekers Bewegungen, der das Achsenkreuz der Tänzer und Tänzerinnen sanft umspielt, dem Gewicht ihrer Körper leicht nachgibt, nur um sie in feingezirkelten spiral- und wellenförmigen Bewegungen wieder in die Höhe zu schreiben, wird immer häufiger unterbrochen. Musikalische und sprachliche Widerhaken zerreißen das feingesponnene Gewebe der Bewegungen. Schon in ihrem Stück „Just Before“, an dem Jolente De Keersmaeker, ohne Tg. STAN allerdings, maßgeblich beteiligt war, wurde die Sprache zu einer gleichberechtigten Instanz neben der Bewegung. Beide stellten sich auf je eigene Weise dem Thema der Erinnerung, des Verlusts von Sicherheiten und dem Versuch, sich zwischen den Fragmenten trotzdem irgendwie zu verorten.

Seit Januar diesen Jahres proben Rosas, Tg. STAN und AKA Moon an ihrer gemeinsamem Produktion, deren Thema sie selbst sind. Der Dramatiker Gerardjan Rijnders hat die Proben von Anfang an begleitet, die Gespräche zwischen den vierzehn Tänzer_innen, vier Schauspieler_innen und vier Musiker_innen belauscht, ihnen Fragen gestellt und die Antworten aufgeschrieben. Welche Hoffnungen sie angesichts des neuen Jahrtausends haben? Wenn sie für sich eine Rolle erfinden müssten, welche würde das sein? Manchmal hat Rijnders die Schauspieler und Tänzer auch aufgefordert, literarische Texte mitzubringen, die ihnen am Herzen liegen. Aus all dem Material, das sich von Probe zu probe veränderte, hat er ein Stück gebaut, durch das sich der Dialog zwischen einem Mann und einer Frau wie ein roter Faden hindurchzieht. Die beiden reden zwar auf den ersten Blick lediglich über ihre Beziehung, reflektieren aber mit jeder ihrer Bemerkungen die Spielsituation mit, in der sie sich gerade befinden: „In Real Time“ eben, das, was sich wie das Leben im Moment vollzieht.

Ihre gemeinsame Arbeit ist von gegenseitigem Respekt geprägt, der keiner der drei Kompanien etwas Unmögliches abverlangt. Kein Tänzer soll zum perfekten Schauspieler, kein Schauspieler zum Tänzer werden. Vielmehr soll die Begegnung ihrer unterschiedlichen Methoden Ebenen der Kommunikation freilegen, die es einem Schauspieler ermöglichen, nicht nur seinen Text zu sprechen, sondern vielleicht auch eine Bewegung in den Vordergrund zu stellen, an die er sich beim Sprechen erinnert. Tg. STAN arbeiten seit ihrer Gründung ohne Regisseur als Kollektiv. Mit den Texten, die sie in Szene setzen, treten sie in einen Dialog, der unterschiedliche Haltungen, Interpretationen oder Fragen der Darsteller an den Text auf offener Bühne zulässt. Um den Zugang zu den Texten möglichst frisch zu halten, gehen STAN auf den proben selten auf s Ganze, reißen den Text nur an oder markieren mögliche Spieloptionen. Erst in der Vorstellung fügen sie die unterschiedlichen Elemente mit überraschenden Resultaten für alle Beteiligten zusammen. Ihre Arbeitsweise erinnert nicht von ungefähr an die Prinzipien eines Merce Cunningham oder einer Trisha Brown. Teilen sie doch mit jenen den demokratischen Impetus, der jedem Körper eine gleichwertige Stimme im Gesamtgefüge heterogener Ansichten einräumt.

Auch Anne Teresa De Keersmaekers Verhältnis zur Musik steht in „In Real Time“ auf der Probe. Gab die musikalische Struktur für ihre choreografische Arbeit bisher immer die zentrale Folie ab, so sehr sogar, dass in Stücken wie „Mikrokosmos“, „Achterland“, „Kino“ oder „Bach“ die Musiker auf der Bühne regelrecht zu Mitspielern der Tänzer wurden, lässt es dich hochkomplexe Interaktion zwischen Fabrizio Cassol, Michel Hatzigeorgiou, Stépahne Galland und Fabian Fiorini nicht zu, dass ihre polyphonen und polyrhythmischen Gebilde in Bewegungen umgesetzt werden. Vor jedem Konzert legen die vier Weltmusiker ihr jeweiliges Grundgerüst fest und weisen sich Intervalle zu, in denen sie auf der Bühne spontan in die Arbeit des anderen eingreifen können. Cassol hat Anne Teresa De Keersmaeker einzelne Teile dieses Grundgerüsts gezeigt, auf deren Basis sie choreografische Muster entwickeln konnte, ohne dass diese das kompositorische Konzert der Stimmen wiedergeben würden. So müssen Tänzer, Schauspieler und Musiker einen gemeinsamen Rhythmus, einen gemeinsamen Atem erst finden. In real time. Auf der Bühne wie im Leben.

 

Spielort:
Burgtheater

Termine:
13. Juli 2000, 20.30 Uhr
15. Juli 2000, 20.30 Uhr

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Dancer: Helmut Fixl © Johanna Figl

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Date: 20.09.2019, 05:57 | Link: https://www.impulstanz.com/archive/2000/performances/id1073/