The Opaque Image
Die Darstellung der räumlichen Anordnung durch die Kamera und andere optische Systeme wird meist als Re-Präsentation verstanden. Das projizierte Videobild einer Choreografie wird als Fenster in die Vergangenheit wahrgenommen, eine Möglichkeit das angebliche Original durch das Kameraauge wiederaufzugreifen, kurz: es wird innerhalb des Paradigmas einer Dokumentation angesehen. Das Videobild selbst scheint in unserer Wahrnehmung durchzuscheinen, ein Fenster, das das Auge des Betrachters in die rekonstruierte Vergangenheit einer Aufnahme führt.
Und dennoch erwirkt die Kamera wesentlich mehr für Performance und den Raum der Performance: ein völlig neues Beziehungssystem entsteht allein durch die Präsenz und Position der Kamera und äußert sich im Video. Das Auge der Kamera erzeugt einen Performanceraum, der sich von dem Raum unterscheidet, der beobachtet wird. Es lässt Bestimmtes aus, etabliert eine neue räumliche Geometrie, bringt Frontalität ein und kreiert figurative Beziehungen zwischen den Körpern - Beziehungen, die als ein Potential während der Performance gewissermaßen zwar präsent sind, aber durch die Kamera erst verwirklicht werden.
Das undurchsichtige Bild macht auf seine eigene Präsenz aufmerksam, auf das Bild als einzigartige Konstruktion. Dieses Videobild ist nicht nur räumlich lesbar. Über der räumlichen Ebene entsteht eine neue Ebene von Beziehungen: eine Bildebene, in der sich die Körper als Figuren überlagern, berühren, verstecken, durch Distanz kleiner oder größer werden, oder den Bildrahmen ganz verlassen können. Wenn ein/e Performer/in sich sowohl im Raum als auch im Bild positioniert, so entsteht ein neuer hybrider Raum, der nun teilweise von der Kamera bestimmt wird. Dieser Bildraum ist keine Repräsentation oder Dokumentation mehr, sondern ein neues einzigartiges Ereignis mit eigenem Potential und eigener Bedeutung.
Ich möchte den Schwerpunkt auf die Erforschung der diagrammatischen Beziehungen der Figur im Bildraum legen, und zwar nicht, um die transparente Dokumentation aufzuheben, sondern um die Möglichkeit zu schaffen, das Bild auf zwei Ebenen lesen zu können. Das Lesen der Rekonstruktion der Orginalräumlichkeit der Performance ist in ständigem Austausch mit den neuen figurativen Beziehungen des Körpers im Bildraum, der von der Kamera erzeugt wird. Diese Art zu lesen, bewirkt eine bild-bewusste Performance, die sowohl auf die räumliche Aufteilung des performenden Körpers, als auch auf die diagrammatische Anordnung des Bildes, bezugnimmt.
Ich möchte diese Co-Produktion von Raum, die eine Kamera bei der Performance erzeugt, näher untersuchen. Diese zweitägige theoretische und praktische Recherche richtet sich an ChoreografInnen, KünstlerInnen und PerformerInnen, die an dem Potential des bewegten Körpers im Bild-Raum interssiert sind.
(übersetzt aus dem Englischen)
Vladimir MillerVladimir Miller ist ein Künstler, dessen Interesse sich auf das Zuschauen und die Wahrnehmung in Kunst und Performance richtet. Aus der Beschäftigung mit Theorie heraus entwickelt er seine Arbeiten in den Medien Video, Installationen, Bühnenbild und Performance. Er lebt in Berlin und Wien.
In den letzten Jahren hat er an Projekten von Philipp Gehmacher, Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) und Meg Stuart/Damaged Goods mitgearbeitet.
Mit Philpp Gehmacher sind die Videoinstallationen „dead reckoning“ (2009) und „at arm's length“ (2010) entstanden. Zusammen mit Meg Stuart und Philipp Gehmacher kreierte er die Performanceinstallation „the fault lines“, die bei Sprindance 2010 Premiere hatte.
Vladimir Miller unterrichtet und ist Mentor beim Postgraduate Programm a.pass in Antwerpen. Dort kuratierte er den temporären Research Raum „City of Illusions“ im Februar 2010.
Photo: Vladimir Miller © Vladimir Miller