Archive 2010


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Stand: 26.05.2012
Änderungen vorbehalten
Workshops 2010
Nathan Fuhr
Week4: 9. - 13. August
17:00 - 20:00Organising Desire o

Organising Desire
Ein Improvisationssystem in Anlehnung an John Zorns Cobra

Hintergrund:
Cobra ist ein komplexes Gruppenimprovisationsspiel entwickelt von John Zorn, und macht Spaß, verdeht einem den Kopf, macht süchtig, ist oft psychodramatisch, provokativ und verändert nachhaltig die Sichtweise auf Gruppenimprovisation.
Üblicherweise wird es von 10-14 MusikerInnen aus verschiedenen Genres gespielt und einem "Prompter“ - der als Dirigent hinter einem Tisch mit bunten Karten fungiert und Anfragen von den MusikerInnen annimmt, die Gruppe als Ganzes überblickt und seine/ihre eigenen Ideen einbringt.
Ich habe es selbst mit John Zorn gespielt, als ich in New York lebte, und es seither über hundertmal in den USA und Europa dirigiert. Auf diese Weise habe ich es weiterentwickelt, variiert und auf einer energetischen und psycho-sozialen Ebene verfeinert - indem ich multidisziplinär gearbeitet habe und Einflüsse aus meinen Forschungsprojekten und meiner Arbeit mit Synergien und Ritualen aus Afrika, Improvisationspraktiken aus Tanz und Theater, die Physikalität des Dirigierens (und die Entwicklung meiner eigenen Gesten beim Improvisations-Dirigieren) integriert habe.

Nun zum Tanz:
Eine der Richtungen, in die ich Cobra fortgesetzt habe, ist Tanz. Auf Anfragen von einigen TänzerInnen in Amsterdam und Berlin, die Fans der Cobra-Spiele waren, habe ich das System angepasst, sodass MusikerInnen und TänzerInnen gemeinsam spielen können. In diesen Sessions haben sowohl MusikerInnen als auch TänzerInnen absolut gleichwertige Rollen im "Spiel" angenommen, als ob es keine Unterschiede in ihrer jeweiligen Kunstform gäbe. TänzerInnen nehmen das System mit Gesten gut an und können es in ihre Bewegungen übernehmen (im Zusammenspiel mit anderen oder beim herausfordern des Prompters über die fortgeschrittene Guerilla Taktik). Die Arbeit ohne MusikerInnen funktionierte deshalb so überraschend gut, weil die perkussiven Aktionen der TänzerInnen, Atem/Geräusche, gesprochene Texte und natürliche rhythmische Geräusche (Gehen, Atmen, oder andere impulsartige Sequenzen etc.), einfach als musikalisches Material integriert werden konnten. Es gibt auch die Möglichkeit Konservenmusik zu verwenden, die von den TeilnehmerInnen von einer Laptop-DJ-Station aus gesteuert werden kann, die eine enorme Audiothek beinhaltet, wobei die TeilnehmerInnen gerne ihr eigenes Material mitbringen können. Jede/r TänzerIn kann jederzeit die Rolle des DJs übernehmen und trotzdem dabei noch dem Cobra-Spiel folgen, diesmal als MusikerIn. Ebenso können TeilnehmerInnen ein Instrument mitnehmen, das sie gerne spielen.

Prozess:
Wir werden uns nach und nach in die Komplexität und Möglichkeiten der Improvisationssprache vertiefen, sodass der Prozess eine wertvolle Erfahrung sein und Spass machen wird, und werden darauf achten, dass es zu keiner Überladung an Informationen kommt. Die TeilnehmerInnen sollen die Möglichkeit haben, das System aufzunehmen, kreativ und tatkräftig mit zu denken, und es jeden Tag aufs Neue im Moment als Werkzeug für ihre kreativen Ideen/Wünsche zu nutzen. Immer mehr werden sie lernen das Spiel zu spielen, statt einfach nur den Regeln zu folgen oder vom Spiel eingenommen zu werden. Das System muss nicht weiter verwaltet werden, um ein befriedigendes und effektives Erlebnis zu werden, und im Laufe der 5 Tage könnten wir unter Umständen so weit sein, die oben erwähnten Guerilla-Taktiken anzuwenden (Taktiken für das Stürzen von anderen oder dem Prompter).
Das wichtigste ist es, die Sprache möglichst flexibel und organisch zu halten und nur in einem Tempo vorzugehen, das der Gruppe entspricht. Dieser tägliche Arbeitsprozess ist essentiell, um sich kennenzulernen, die kreativen zwischenmenschlichen Dynamiken zu entdecken sowie die subtile Chemie, Spannungen und Gemeinsamkeiten, was die Basis für die strategischen und taktischen Manöver darstellt, die in den hitzigen vergänglichen Momenten von Reaktion, Provokation und Leidenschaft aufkommen. Der gesamte Prozess lädt ImprovisatorInnen unterschiedlichster Levels ein, immer wieder die Grenzen der eigenen Kreativität zu überschreiten. Es ist ein Prozess, der den Geist von PerformerInnen durchdrungen und auf den neuesten Stand gebracht hat (ähnlich einer ungeplanten Psychotherapie) und sich Tag für Tag, Stunde um Stunde in Workshops und Proben und schließlich Stück für Stück und Monat für Monat in Performances eingebrannt hat.

Sei willkommen und freu dich auf eine Ich-überschreitende Woche der Begegnung, offener Kommunikation, fliessenden Austauschs von Kraft und des Schwimmens in Wechselbeziehungen... hoffentlich voller faszinierender Fehler und gefährlichen Erfolgen!



Nathan Fuhr
Nathan Fuhr (Berlin/Dakar) lässt Musik und Tanz als eine Gesamtkunstform erscheinen, die auf Atem und Puls basiert. Er ist multidisziplinärer Dirigent und hat einen Abschluß als Dirigent vom Cincinnati Koservatorium, ein Tanzdiplom von der Amsterdam School for New Dance Development und der Ecole des Sables (Senegal) und ist geprägt von mehreren Workshops mit Meredith Monks. Er hat jahrzehntelange Erfahrung als Dirigent für klassische und moderne Musik, spielte bei namhaften Ensembles in New York und Europa und dirigierte das legendäre Spiel Cobra von John Zorn, das auf sozialer Alchemie und Improvisation basiert. 2002 gründete Nathan das Ensemble Collision Palace in Amsterdam, das sich auf das Vokabular von Gruppenimprovisation und Zusammenarbeit mit TänzerInnen stützt.

Nathan ist der Begründer des Schlagzeugensembles Demonshaker - ein Projekt, das die Frucht und die urbane westliche Rekontextualisierung seiner Recherche, Erfahrung und graduellen Demystifizierung von traditioneller Trance Musik und Ritualtänzen in nichtindividualisierten Gesellschaften in Marokko, Ägypten und dem Senegal ist.
Das Ergebnis seines Workshops, seine choreografischen Partituren und Improvisationssprachen wurden bei Damaged Goods im Pact Zollverein Essen gezeigt, Studentenensembles spielten unter seiner Leitung am Festspielhaus Hellerau am Rhythmischen Institut Dresden, weiters: European Dance Development Centre Arnhem, Centre National de la Danse Paris, Institute Jacques Dalcroze Geneva, Mobile Academy Berlin, Antonia Baehr, u.a.
Er leitete Improvisationen für TänzerInnen als Gast beim Ponderosa Dance Festival & Hu.Z Tanzplan Berlin, u.a. Er arbeitete als Rhythmus-Coach und Berater für freischaffende Choreografen in Amsterdam und als Stimmtrainer für Paul Gazzola in Berlin, sowie als Trainer in seiner Spezialität, der Performancepraxis, für Robert Ashley. Auf Einladung verschiedener ChoreografInnen, arbeitete er auch als Performer und Tänzer. Kürzlich wurde er gefragt, als Schauspieler für das Estländische Staatstheater zu arbeiten im Rahmen der Kulturhauptstadt 2011. In Dakar spielt er mit Baaba Maals Band, tanzt Sabar, und lernt Einfachheit. Er praktiziert Vipassana Meditation, Pranayama, Tai Chi, und hat sowohl Amerikanische als auch Senegalesische Pässe und Surfbretter. Er hielt ImPulsTanz als Konfluenz erster Klasse in Ehren, nachdem er 2007 teilnahm und freut sich zurückzukehren und die Gefälligkeit zu erwidern.
www.urbanrituals.org
Photo: Nathan Fuhr © Marc Seestaedt