Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan DVD - Cursive II
Choreografie: Lin Hwai-min
Musik: John Cage
2001 schuf Lin Hwai-min die Choreografie "Cursive": das Hohelied der chinesischen Kunst der Kalligrafie, eine Übersetzung der Energie der großen chinesischen Schriftmeister in die andere Energie des Tanzes, vor allem mit den Mitteln des Tai-Chi. Nach einem Zwischenschritt mit "Smoke" (2002) nahm der Choreograf das für ihn unerschöpfte Thema wieder auf. Kalligrafien werden mit breitem Pinsel und mit Tusche geschrieben (oder gemalt). Dabei unterscheiden die Kenner fünf verschiedene Schattierungen der schwarzen Farbe. "Cursive" befasste sich vor allem mit den tiefschwarzen Tönen und projizierte, relativ dramatisch, berühmte Beispiele älterer Kalligrafien hinter und neben die Tanzenden. "Cursive II", das neue Stück, befasst sich vor allem mit den lichteren Farbschattierungen dieser Malerei und verzichtet völlig darauf, die Cloud-Gate-Tänzer mit kalligrafischen Kunstwerken zu konfrontieren. Der Choreograf malt selbst, mit den Körpern der Tanzenden. Das heißt nicht, dass es in "Cursive II" - für dessen Bühnenbild Austin Wang und für dessen Beleuchtung Lin Kehhua nach einem Konzept von Chang Tsan-Tao verantwortlich zeichnen, während Lin Jing-ru die Kostüme schuf: weiße weite Hosen für die zwölf Tänzerinnen, lange schwarze Röcke für die zehn Männer - gar keine Projektionen gäbe. Doch benutzen diese Projektionen keine Kalligrafien, sondern vergrößerte Detailfotos jener kostbaren, eierschalen-weißen Porzellane, die in der Sung-Zeit (ab 900) entstanden sind.
Für "Cursive" hatte sich Lin eine neue Musik komponieren lassen. Für "Cursive II" benutzt er Kompositionen von John Cage vorwiegend aus den frühen neunziger Jahren. Anders als etwa Merce Cunningham hört er in die Musik hinein und sucht für sie choreografische Entsprechungen. Es sind durchweg sehr asketische, nicht unmelodiöse Kompositionen aus Cages "asiatischer Phase", zum Teil für tibetische Instrumente, mit reichlich Stille zwischen den musikalischen Aktionen. Sie lassen den Tanz atmen und bereiten ihm ein Klima der Kontemplation, in dem sich die Choreografie in aller Ruhe entfalten kann. Die direkt ineinander übergehenden zehn Sätze der Choreografie - eine Abfolge von Frauen-Quartett und Männer-Sextett, Ensemble-Sätzen und Duett, zwei Soli, die ein weiteres Ensemble umschließen, einem weiteren Trio und einem großen Finale für die komplette Gruppe - arbeiten wiederum vor allem mit den Bewegungen des Tai-Chi; doch anders, lyrischer als in "Cursive". Das neue Stück ist reine Poesie.
In ziemlich genau 70 Minuten ohne Pause definiert Lin Hwai-min mit "Cursive II" den Begriff choreografischer Schönheit neu. Er benutzt dazu eine sehr chinesische Zeichensprache, die den westlichen Betrachter gleichwohl niemals fremd anmutet. Denn eine gewisse innere Verwandtschaft mit dem klassischen "weißen" Ballett ist durchaus vorhanden: von "Schwanensee" oder "Les Sylphides" über Balanchine und Robbins bis zu Merce Cunningham oder Hans van Manen, dessen "Großer Fuge" sich einige der Männerensembles in der Stimmung, wenn auch kaum in der sich schraubenden und verwindenden Bewegungserfindung annähern.
Qualitativ bewegt sich "Cursive II" durchgehend auf einem Niveau, wie es in der abgelaufenen Saison wohl nur Lin Hwai-min selbst mit seinem "Smoke" vom November 2002 erreicht hat. Doch während "Smoke" die "westlichste" Choreografie ist, die Lin je geschaffen hat, darf "Cursive II" - trotz seiner Erinnerung an westliche Ballett-Traditionen - als die chinesischste seiner choreografischen Arbeiten gelten: ein Kunstwerk, das, ohne dass es sich hermetisch abschlösse gegen den Betrachter, in sich ruht im festen Wissen um die eigene Einbettung in eine Jahrhunderte alte Kultur.
(Autor: Jochen Schmidt)
CURSIVE II - Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan
Choreografie: Lin Hwai-min
Musik: John Cage
Dauer: 147 minutes
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