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Rosalia Chladek - Nobilität, von Musik durchpulst
von Gunhild Oberzaucher-Schüller (erschienen im tanzjournal 05/2)
Vom Beginn ihres schöpferischen Tuns an, das in den frühen zwanziger Jahren seinen Anfang nahm und bis zu ihrem Tod am 3. Juli 1995 in Wien andauerte, fühlte sich die Tänzerin, Choreographin und Pädagogin Rosalia Chladek völlig in der Institution Hellerau - ab 1925 in der von Hellerau-Laxenburg - verankert.
Hellerau, von dem dank der zauberischen Persönlichkeit von Émile Jaques-Dalcroze noch immer Sogwirkung ausging, war für Chladek magischer Ort ebenso wie moralisch-ästhetische Instanz. Abgeleitet von Jaques-Dalcrozes Gedankengut, hatte Chladek in ihrem System, das sie in den zwanziger Jahren zu entwickeln begonnen hatte, den Menschen in seiner "leibseelischen Totalität" im Blick. Diese "Totalität" anzustreben war - pädagogisch wie künstlerisch gesehen - leitender Gedanke von Chladeks eigenem Sein. Aus der "Ganzheit" des Selbst zu schöpfen, um den anderen ebenfalls in seiner "Ganzheit" zu erfassen, dazu den jungen Menschen mittels eines körperlichen Systems sich seiner "Ganzheit" bewußt werden zu lassen, dadurch nicht nur das Gefühl für sich selbst und seinen künstlerischen Sinn, sondern auch für den Mitmenschen und den Umraum zu wecken, das war das Anliegen von Chladeks schöpferischem Tun. Ziel war es auch, sich selbst, ihre Mitmenschen sowie die anvertrauten Schüler in jene Bewegungskultur einzubinden, die, von Jaques-Dalcroze initiiert, für das Mitteleuropa der Zeit sich als Epochenmerkmal bestimmend erweisen sollte.
Die Anfänge der am 21. Mai 1905 in Brünn geborenen Chladek lagen freilich in einer Zeit, in der Jaques-Dalcroze schon nicht mehr in Hellerau wirkte, zu der die pädagogischen Ziele der Institution überdies andere geworden waren, diese sich sowohl dem Tanz als auch der Theatralität zugewandt hatten. Gerade dies hatte Chladek noch in ihrer Hellerauer Zeit aufgenommen, hatte noch in Dresden - einem Zentrum des Ausdruckstanzes - debütiert. In der Folge, bis Kriegsbeginn, stieg sie zu einer der Protagonistinnen des Ausdruckstanzes auf - eine Bewegung in der Geschichte der Kunst übrigens, die sich als das bislang einzige Beispiel eines über einige Generationen sich hinziehenden, in sich geschlossenen Frauenœuvres erweist. Ihr tänzerisches Werk, ihre 70 Sologestaltungen ebenso wie die rund 100 Gruppenarbeiten, waren von ebendiesem Frausein geprägt, dazu kamen als herausragende Charaktereigenschaften Nobilität, Musikalität und Intellekt. Klar im Aufbau, logisch in der Abfolge waren Chladeks Choreographien - etwa der Rhythmen-Zyklus oder die Mythologische Suite - , durchdrungen vom Puls der herangezogenen Musik. Gerade dies vermerkten die zeitgenössischen Kritiken. In den vierziger Jahren etwa tanzte Chladek in Wien, wo sie ihre Heimat gefunden hatte, ihre drei großen dramatischen Solowerke Marienleben, Jeanne d'Arc und Die Kameliendame. Eine Rezension hält fest, daß Chladek "vermöge einer blutvollen, schmiegsam pulsierenden Körperlichkeit" einen Rhythmus aufnimmt, "der bei aller Körperlichkeit wieder so geistig ist, daß man, tief erschüttert, den die Welt durchziehenden tragischen Dualismus von Körper und Geist nicht mehr empfindet, daß man hier eine Auflösung, eine Harmonie erlebt, eine urhafte Rückkehr in das glückselig-einheitliche Schöpferstadium".
Chladek, von Mary Wigman als "Aristokratin des Tanzes" apostrophiert, blieb diesem Rhythmusgefühl auch in all jenen Jahren treu, in denen sie sich dem Unterricht ihres heute weltweit gelehrten Bewegungssystems widmete. Chladek war schließlich die einzige Protagonistin des Ausdruckstanzes, die so ihr tänzerisches Erbe selbst weitergab.
Gunhild Oberzaucher-Schüller
(erschienen im tanzjournal 05/2)