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doisneau & bel -
Lang blieb es still um Jérôme Bel. Es hieß, er gönne sich ein Ruhejahr. Und wo steckt der Kerl? In der Pariser Opéra!
Dort fand er ein Sujet, dort traf ihn Thomas Hahn
"Für diejenigen, die weiter hinten sitzen: man sagt, ich habe Ähnlichkeit mit Isabelle Huppert." Frau Doisneau, Angestellte der Opéra national de Paris, betrat die Bühne von hinten links, ein Tutu über dem rechten Arm tragend. Eine Ewigkeit schien diese Diagonale zu dauern, bis sie die Rampe erreichte. Eine Tänzerin, die über die Bühne latscht, das hat man wohl bei Maguy Marin schon gesehen, nicht aber an der Pariser Oper. Ein seltsames Phänomen. Man zwingt uns, eine Ballerina als alltäglichen Menschen wahrzunehmen. Plötzlich erscheint die Bühne gigantisch weit und tief wie nie zuvor. Auch der Saal der Opéra Garnier hat auf einmal deutlich Übergröße. Dank Jérôme Bel aber ist Véronique Doisneau heut Abend niemand anderes als Véronique Doisneau. In einem Stück von Jérôme Bel, das natürlich keins ist. Schon gar keine Choreografie im Sinn der Tradition. Sondern ein Stück wie ein Attentat auf den jahrhundertealten Kodex an der Oper.
Dafür will niemand (allein) die Verantwortung tragen. Ich bin kein Choreograf, sagt Bel. Er will nur einen Mechanismus erfinden, der es der Darstellerin, das heißt dem Gegenstand, erlaubt, Autorin zu werden. Sagt der Autor von "Nom donné par l'auteur". Nein, sagt sie, ich bin nur Interpretin. Das sagt sie nicht auf der Bühne. Dort sagt sie: "Ich bin Véronique Doisneau, einundvierzig Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, verdiene 3500 Euro im Monat und gehe im nächsten Jahr in den Ruhestand." Sie artikuliert langsam, auf Klarheit bedacht. Es ist das erste mal, dass sie auf der Garnier-Bühne als tanzende Bürgerin vor die Meute tritt, die sie sonst als Fleisch gewordenen Traum umjubelt. "Ich bin Sujet", sagt sie. "Das heißt, ich tanze sowohl im Corps de ballet als auch Solopartien." Bel schert sich nicht um die Hierarchie. Für ihn ist Doisneau in anderem Sinn sujet, das bedeutet: sie ist Thema und Gegenstand dieses Stücks namens "Véronique Doisneau".
Weder Bel steigt am Ende zur Verbeugung auf die Bühne noch Céline Talon, die einen Auszug ihrer Giselle-Rolle in der Choreografie von Mats Ek tanzt, der Doisneau sitzend ihre Bewunderung ausdrückt. Selbst Opéra-Tänzerinnen sind im Leben auch Tanzzuschauerinnen. Nie hat Doisneau "Giselle" als Giselle tanzen dürfen. Doch heute Abend, da darf sie es, auszugsweise und um ihren größten Wunsch als Sujet zu illustrieren. Tänzerinnen sind nicht nur Traumfabriken, sie haben selber Träume.
Was Doisneau über sich selbst erzählt, betrifft nur sie selbst. Es ist aber nicht verboten zu vermuten, dass auch manche Kollegin sich langweilt, wenn sie im "Schwanensee" mit dem Corps de ballet ein lebendes Dekor verkörpern muss.
Es reicht völlig, die Solistin des Abends zur Musik von Tschaikowsky in ihren Posen verharren zu sehen, damit einem die gesamte Szene im Geist erscheint.
Doch auf der Bühne steht kein Schwan des Corps de ballet, sondern eine reale Person in ihrer alltäglichen Probenkluft, genau jener, die sie tatsächlich während den Proben zu "Véronique Doisneau" trug. Was hier zum Schwan fehlt, ist das andressierte Lächeln. In dieser Rolle hat sie Lust von der Bühne zu steigen, kommentiert sie, und man sieht ihr deutlich an, wie sie wohl sonst über ihre Steuererklärung oder die Schulprobleme ihrer Kinder nachdenkt. Der Musik folgt Applaus vom Band. Man darf vermuten, dass die Aufnahme während einer Aufführung an der Opéra gemacht wurde, in der Doisneau brav ihre Partie tanzte und Lust verspürte, nach Hause zu gehen.
Aufführung = représentation. Das Wort meint auf Französisch nicht nur Vorstellung, sondern auch Darstellung. Ist Doisneau Interpretin und wenn ja, wovon? Interpretin einer Inszenierung von Jérôme Bel oder ihrer selbst? Bel hat nach einem Jahr Pause und im Kontakt mit der Opéra die Leichtigkeit wieder gefunden, mit der er die Mechanismen und Begriffe hinterfragte.
Bels Sabbatjahr war folgerichtig, ebenso wie seine Begegnung mit Brigitte Lefèvre und dem Ballet de l'Opéra. Zwei Jahre lang sah sich Bel dort alle Produktionen an. Und nun, wer wird nach "Véronique Doisneau" ein Ballet noch mit den gleichen Augen wie zuvor ansehen? Dass man hier auf der Bühne sieht, wie lang es nach den Sprüngen dauert, wieder zu Atem zu kommen, ist noch der geringste Grund dafür, dass man seinen Blick auf die Tänzerin ändert. So subjektiv Doisneau ihre Sicht darlegt, so sehr vereinen sich in ihr, alle anonymen Sujets, Coryphées und Quadrilles, denen niemand mehr einen Artikel widmet, wenn sie die Altersgrenze erreichen. Einzigartig ist der Parcours von Véronique Doisneau aufgrund ihres persönlichen Schicksals. Mit einundzwanzig Jahren, als Nurejew ihr Talent förderte, raubte ihr eine Bandscheibenverletzung die Kontrolle über ein Bein. Mit Yoga und Spezialtraining gelang es ihr, die Lähmung rückgängig zu machen. Doch als sie ihr ursprüngliches Niveau wieder erreichte, war Nurejew nicht mehr am Ballet de l'Opéra. Hätte sie es ohne den Unfall bis zur danseuse étoile gebracht? Die Frage stellt sich heute nicht mehr. Und mehr als einen Satz sagt sie dazu nicht.
Nur schrittweise lassen sich die Verhalensweisen des Publikums verändern. wurde nach den ersten Vorstellungen von "Véronique Doisneau" noch gebuht, schien sich bald herumzusprechen, dass hier [italic]nouvelle cuisine[italic] gereicht wird. So begnügte man sich später damit, nach jedem Auszug aus "Giselle" etc. zu applaudieren, als wolle man jene Zauberei des Körpers herbei klatschen, für die man schließlich bezahlt hatte, auch wenn Bel sie zu vermeiden trachtet. Oder zeigt sich hier nur der Wille des Publikums, seine Rolle aktiv zu spielen? Hätte Bel die Sache radikaler angehen sollen? in der Tat besteht "Véronique Doisneau" zum größten Teil aus getanzten Auszügen, von "La Bayadère" bis Cunningham. Das Subjekt enthüllt sich in erster Linie als Sujet und damit als Objekt der Tanzwelt. Das ist schade, denn die Bürgerin Doisneau, das frei denkende und fühlende Mitglied des Mikrokosmos Opéra, hätte viel mehr mitzuteilen als ein paar persönliche Präferenzen in Sachen Repertoire. Sie und Bel müssen sich da an anderen autobiografischen Kreationen von Tänzern und Performern messen lassen, die in tiefere (Ge-)Schichten vordringen. Das Centre national de la danse widmete dem "Genre" ein ganzes Festival unter dem Titel "I am Hamlet".
Ist die Präsenz der Balletausschnitte ein Zugeständnis Bels, ein Zeichen seiner zuvor nie so explizit beteuerten Liebe zum Ballet? Eine Masche? In "Le dernier spectacle" tanzt er im weißen Kleid Susanne Linkes "Verwandlung" nach und zeigt das als Video-Auszug in seinem Vortrag am Centre national de la danse. Da sagt er: "Ich bin Susanne Linke"". Zitat eines Stücks, das aus Zitaten besteht. 1998 sei das nicht verstanden worden, so wolle er lieber einen Vortrag über dessen Entstehung und Hintergründe halten, als es neu zu spielen. Er kann seinen Vortrag nur nicht "Jérôme Bel" nennen, denn das hatten wir schon. So heißt er "Le dernier spectacle (une conférence)". Véronique Doisneau, die ebenfalls Choreografien zitieren und einen Vortag über sich halten darf, meint offensichtlich ernst, was sie sagt und zeigt. Bei Bel ist man dagegen unsicher, ob er am Mikrofon noch er selbst ist oder bereits Autor seiner selbst, der satirisch auf sein eigenes Bild verweist. Der Mann hat schließlich Humor.
Wenn also Doisneau uns weder in die Logen der Opéra führt noch in die Logen der Existenz, wenn sich ihr Auftritt auch verbal auf den Rahmen der Bühne bezieht, dann hüpft Bel um ein paar Jetés an seiner Idee vorbei, sein Sujet als politisches und soziales Wesen darzustellen. In diese Kerbe mit Potenzial zur Provokation schlug Angelin Preljocaj weitaus machtvoller, als er 1998 in "Casanova" einen Vortrag über Geschlechtskrankheiten einbaute.
Auch wollte Bel die Grammatik des klassischen Tanzes samt deren Folgen aufblättern. Darin kommt ihm zum Glück Brigitte Lefèvre zu Hilfe, die entschied, den Abend mit "Etudes" von Harald Lander zu eröffnen. Schade nur, dass zu einem Ballett auch die Kostüme zwingend gehören. Denn ohne die konservativen Pailetten hätten Landers Stilübungen noch besser auf Doisneau und ihr Opéra-Glasnost eingestimmt. Zum Abschluss des dreiteiligen Abends brauchte es dann noch ein Ballett in drei Aufzügen bzw. drei "Glass Pieces", choreografiert von Jerome Robbins. Dort findet man einige formale Verwandtschaften mit "Etudes" und ein Corps de ballet, das im Halbdunkel die Knie knickt und langsam im Gänsemarsch vorbei zieht. Da denkt man unweigerlich an Doisneaus gequälten Gesichtsausdruck in den "Schwanensee"-Posen. Selbst in den Solopartien von Robbins' abstraktem 1980er-Relikt ist so wenig Persönlichkeit gefragt, dass Kader Belarbi sich gräulich zu langweilen scheint, während seine Partnerin Marie-Agnès Gillot immer wieder versucht, einen Blick von ihm zu erhaschen.
Damit war "Véronique Doisneau" bei weitem das lebendigste Drittel des ersten Balletabends. Jérôme Bels Einzug ins Palais Garnier mutet wie ein Paukenschlag Gerard Mortiers an, wurde aber in Wahrheit seit zwei Jahren von Brigitte Lefèvre vorbereitet. Solches Timing zeugt entweder von perfekter Intuition oder von brillanter Planung. Und das beste: das Ballet de l'Opéra hat in Jérôme Bel einen neuen, treuen Zuschauer gewonnen.

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Vielen Dank an ballettanz für das zur Verfügung stellen diese Artikels!