1.
Wer recherchiert, sucht etwas zu ergründen, was in seiner
Anlage schon da, aber noch nicht offenbar ist. Forscher, Entdecker
oder Detektive sind meistens geleitet von einem vagen
Gefühl, dass es da etwas gibt, das es zu ergründen, zu entdecken
oder aufzuklären gilt. Mit der Zeit wird dieses «etwas»
klarer, bis sich schliesslich eine Form dafür findet: ein wissenschaftlicher
Text, die Landkarte eines Kontinents oder die Aufklärung
eines Kriminalfalles. Vom Indiz zum Beweis, von der Intuition
zur Entdeckung, vom Interesse zur Form. Dazwischen
liegt das Suchen. Jeder Fund ist ein Glück, wirft er doch neue
Fragen auf, die zu weiterem Suchen verleiten.
Suchen. Finden. Wiedersuchen. Erfinden. Wiederfinden.
2.
Ich sass mit anderen in einem Raum. Ein Lehrer erzählte
vom Paradox der Bewegung: Bevor der Pfeil sein Ziel träfe,
müsste er die Hälfte des Weges zurückgelegt haben. Bevor die
Hälfte des Weges erreicht wäre, müsste die Hälfte dieser Hälfte
erreicht sein. Und bevor die Hälfte der Hälfte erreicht wäre,
müsste der Pfeil die Hälfte der Hälfte der Hälfte erreichen. Und
so weiter und so fort. Bis der Pfeil sein Ziel nicht erreicht. Eine
alte Idee. Wir gingen in einen zweiten Raum. (Wir erreichten
ihn. Über eine Treppe). Dort begann die Suche nach dem Paradox
in den Körpern. Man betrachtete, wie sich der lebendige
Körper verhielt, und verfolgte, wie die Idee sich im Körper veränderte.
Es ergaben sich tanzähnliche Gebilde. Nachher zeigte
jeder dem anderen den Stand der Arbeit (Suche, Forschung).
Wir sprachen über das Gesehene und machten uns Notizen für
den nächsten Tag. Danach gingen wir nach Hause. Ohne unser
Dazutun arbeiteten die Gedanken und Bewegungen weiter in
den Köpfen und Körpern. Am nächsten Tag suchten wir erneut
und betrachteten die Ergebnisse, bis der Lehrer eine neue Idee
für die Arbeit am Körper vorschlug. Mit der Zeit ergab sich ein
Verständnis für die Suche des Lehrers bei den Schülern und
umgekehrt. Ein jeder machte sich etwas zu eigen und fand sich
darin wieder. Eine Art zu lernen. («pro series» mit Josef Nadj, 1997)
3.
Im Tanz ist das Recherchieren eine essentielle Tätigkeit.
Körper sind komplizierte Wesen und andauernd aktiv. Ständig hat
man das Gefühl, etwas sei zu ergründen, zu entdecken oder
aufzuklären. Gedanken schleichen sich in die Muskeln und Organe,
während deren Tätigkeiten die Gedanken überraschen.
Ein Netz von Wegen, dessen Erkundung die Arbeit von For-scherentdeckerdetektiven ist: eine stete Praxis des Wahrnehmens und Ordnens von Gedanken und Bewegungen.
4.
Seit 1990 finden in Wien bei ImPulsTanz alljährlich die
pro series als Möglichkeit der Fortbildung für professionelle Tänzer
und Choreografen statt. Seit 1995 gibt es zusätzlich die
coaching projects, die werdenden Profis die Gelegenheit geben, mit etablierten Künstlern gemeinsam zu arbeiten. Im Mittelpunkt beider Reihen steht die Idee der Recherche.
Tanz der Dinge Nr. 61