Headlines
Feature Archiv

ImPulsTanz - Vienna International Dance Festival celebrates its 25th anniversary.
Buchvorstellung: Anna Teresa de Keersmaeker & Meg Stuart
Eine emotionale Achterbahnfahrt
Die Anatomie der Melancholie.
Self-education at Jan Ritsema's PerformingArtsForum
Tanz als Politik
Ungeahnte Macht der ImPulsTanz-Plakate
Ein neues Kulturhaus für Berlin
Mårten Spångbergs The Adventure
Grace Ellen Barkey & Needcompany


weitere Features
Features
Im Herzen der Pädagogik
French choreographer Boris Charmatz is launching his project BOCAL at
ImPulsTanz 2003. BOCAL is a nomadic and provisional school reflecting upon and questioning arts education. This experiment is developped in the context of Charmatz three year residency at Centre National de la Danse in Paris. It will bring together 15 students from different backgrounds from July 2003 to July 2004, when they will come back to ImPulsTanz to present "T.P." (travaux pratiques). In a letter to the festival Charmatz gives details on BOCAL.


Bocal, Bocal, Bocal,

dieser Text ist ein Entwurf, verzeihen Sie, aber ich verbringe viel mehr Zeit damit, die Gruppe der ?Bocalisten? auszuwählen, als Inhalte, die es zu kommunizieren gilt, vorzubereiten. Noch ist die Vorlage konfus, aber ich hoffe, dass, die Energie, die das Projekt trägt, herauszuspüren ist.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich einfach über das Projekt erzählen und erklären soll, warum wir nun gerade in Wien sind oder ob ich die unglaublichen Menschen, die daran teilnehmen, vorstellen soll. Ich vermenge Beides.

Vom ersten Moment an, war mir klar: ja, ich würde diese ?pädagogische Kreation? non-stop ein Jahr durchziehen und dafür wäre Wien der ideale Startort.

?Bocal? beruht auf der Überzeugung, dass eine zeitgenössische Schule sich nicht darauf beschränken sollte, den Studenten bestehendes Wissen auf einem Silbertablett zu präsentieren. Im Gegenteil der Inhalt des Unterrichts muss sich während der Erfahrung selbst heraus kristallisieren, in der Hoffnung, dass die Schule aus sich selbst heraus entsteht, beim Erfinden der Methoden, der Techniken einer Arbeitspraxis. Was wir wollen ist, eine Pädagogik für uns zu erfinden, in der Hoffnung, dass das, was wir erfinden, uns als Pädagogik dienen kann. Der Kurs gestaltet sich aus der Erfindung des Kurses selbst.

Wenn ich mich als Künstler mit der Schule auseinander- setze, könnte man erwarten, dass ich Kunst mittels einer Aufführung in die Schule einführen und auf diesem Weg, die Schule an die imaginäre Welt der künstlerischen Kreation heranführen werde. Dem ist nicht so. Ich bin überzeugt, dass Künstler sich für eine Schule einsetzen können und müssen, und sie sollten Schule und Pädagogik genauso betrachten wie sie vorher Aufführungen und Kunst betrachtet haben, nämlich als einen Raum, den es zu problematisieren, zu kritisieren und vor allem zu erfinden oder neu zu erfinden gilt. Wie es bei den interessantesten Aufführungen in den letzten Jahren der Fall war: die Hinterfragung der Idee der herkömmlichen Aufführung war Gegenstand der Aufführung selbst. So kann man sich vorstellen, dass die Idee/Vorstellung der Schule mit ihren Problemen und Spannungen, in das Herz eines Projektes getragen werden muss, das den Anspruch von Recherche und pädagogischer Kreation hat. Wir gehen an die Sache mit unseren Methoden und unserem aktiven künstlerischen Selbstverständnis heran und versuchen herauszufinden, was unsere Ideen für die Schule bewirken und genauso, was die Schule mit diesen Ideen anstellt.

Ein weiterer Leitgedanke von ?Bocal? ist, die Pädagogik als Studienobjekt an und für sich zu verstehen und nicht nur als ein notwendiges Werkzeug zum Erlernen von Techniken. D.h. wir werden die ästhetischen Wirkungen der Pädagogik beobachten, das geniale Theater seiner vielfältigen Stellungen....die Pädagogik ist wie eine grosse Partitur, deren Interpreten wir sein könnten. In dieser Partitur gibt es viele festgelegte Rollen, eine genaue Musik, und auch viele Macht- und Ellbogenspiele. Wir werden also die Partitur des Lernenden und Lehrenden spielen, die des Tyrannen und des Fügsamen, des rebellischen Schülers und der experimentellen Schule ... Da die Pädagogik selbst eins unserer Studienobjekte ist, ergibt sich die Frage des Wiener Debüts von selbst.

Als erstes kommen wir, um zu sehen und zu beobachten wie eine herkömmliche Art der Aus- und Weiterbildung von statten geht, bevor wir uns in der Folge isolieren und alleine arbeiten werden in der Armut unseres gegensei- tigen Wissens. In Wien werden wir in das unermessliche Spektrum der Kurse eintauchen. Unermesslich: wieviel Studenten, wie viele Dozenten, schon wieder ? 2800, 3000 Studenten, plus 65 oder 80 Dozenten, international anerkannt.....da gehören wir hin: im Herzen der Pädagogik live, im Herzen einer internationalen Plattform, im Herzen des Tanzes, oder ? Unser Projekt ist im Vergleich lächerlich: 13 oder 14 Schüler begleitet von einem Lehrer, der als Lehrer über wenig Erfahrung verfügt. Aber die Vor- stellung am Anfang von ?Bocal? in eine Masse von Körpern einzutauchen, gefällt mir.

Nun frage ich mich gerade, was Nicolas Couturier, einer der ?Bocalisten? denken wird. Ich habe ihn schamlos angelogen. Er fragte mich, ob ?Bocal? eine Tanzschule sei, meine Antwort war vage. So konnte er glauben, dass selbst wenn er in seinem Leben nie getanzt hat und selbst wenn er sich keinesfalls in einen Tänzer verwandeln will, er nichts riskieren wird, da es sich eh nicht wirklich um eine Tanzschule handelt. Vielleicht ist er in eine Falle getappt.... Er verlässt für ein Jahr seine brillanten Studien in angewandter Kunst, um an ?Bocal? teilzunehmen. Solltet ihr ihn in den Hallen des Arsenals, Haare raufend herumirren sehen, seid bitte lieb zu ihm. Er wusste nicht, dass der Tanz so unerbittlich ist, er hatte auch gar nicht danach gefragt. Er wollte wissen, was für Kleidung notwendig ist, um die Kurse zu absolvieren....
Mir gefällt?s, dass wir etwas fremd sind, in dieser einge- sessenen Organisation von Tanzkursen, die übrigens eine der lebendigsten Formen der Tanzausbildung darstellt. In dieser Gruppe von ?Bocalisten? gibt es viele die keine Ahnung über eine Tanzschule haben, entweder wurden sie ausgeschlossen oder sie hatten in ihrer Heimat geringe Ausbildungsmöglichkeiten oder fingen zu spät an mit dem Tanz oder es interessierte sie überhaupt nicht.

Wir werden also nicht die besten Schüler der Kurse sein. Die Auswahl der ?Studenten? geschah übrigens nicht in einer Audition. Wir haben uns auf eine chaotische, anarchistische, zufällige Weise gefunden und ausgesucht. Es ist der Geist des Projektes selbst, der die Form der Auswahl bestimmte. Es war also nicht einmal eine Auswahl von ?Studenten?. Ich hätte eigentlich auch ?irgendjemand? einladen können. Bedeutet es nicht die absolute Pädagogik, mit ?irgend jemand? zu arbeiten und trotzdem etwas zu erreichen, dass uns wichtig und sehenswert erscheint ? Achtung: ich habe nicht gesagt, dass ich ?irgend wen? für das Projekt ausgesucht habe. Aber die Zusammenstellung der Gruppe kann als ziemlich ?alternativ? bezeichnet werden.

Wir besetzen (squatten) offiziell die Kurse von ImPulsTanz und ich danke der Veranstaltungsleitung, dass sie uns überhaupt empfängt. Wir werden diskret sein, verstreut, fast unsichtbar, aber wir werden diese grossartige Gelegenheit in vollen Zügen geniessen, an einer massiven Pädagogik, die alle in einen Wirbelwind magischer Bewegung hineinzieht, teilzunehmen. Denn es braucht gewiss ein Stück Magie, um so viele Studenten zum gleichen Zeitpunkt in Bewegung zu setzen. Diesen Sommer werden wir inmitten der eingeschriebenen Teilnehmer verschwinden, aber nächstes Jahr wird unser Abenteuer, hier in Wien seinen Abschluss finden mit einem öffentlichen Event um die ästhetische Wirkung der Pädagogik.Ich weiss noch nicht, welche Gestalt dieses Event annehmen wird, sicherlich wird es kein ?Gala zum Jahresende? sein.

Indem wir ein offenes öffentliches Resultat zeigen, wird es auf jeden Fall eine Gelegenheit sein,?ImPulsTanz? etwas von all dem zurückzugeben, wovon wir 2003 in Wien profitiert haben.

Bis bald

Boris Charmatz