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Kunst ist, wenn man trotzdem tanzt.
Täglich proben die Mitglieder der Irakischen Nationaltanztruppe, ohne Aussicht auf einen Auftritt vor Publikum. Im Irak ist das Tanzen regelrecht zur Mutprobe geworden. Früher ging die Truppe häufig auf Tour und trat unter anderem in Japan, China, Frankreich, Italien und den USA auf. Jetzt wird jede Drehung, jede Bewegung der Choreografie mit einer gefährlichen neuen Realität beurteilt. In einem Land, in dem die Gesellschaft von religiöser Ideologie beherrscht wird, haben es vor allem die weiblichen Performerinnen schwer. Wenn schon eine Frau ohne Kopftuch auf der Straße Aufsehen erregt, was erwartet dann erst eine Frau, die auf der Bühne tanzt?

Die Irakische Nationaltanztruppe besteht aus 15 Männern und 10 Frauen. Sie proben. Tag für Tag. Die Männer und die Frauen. Obwohl im Islam die Teilnahme von Frauen an folkloristischen Tänzen „haram“ - verboten - ist. Ayatollah al-Sistani, die anerkannte Führungsfigur der Schiiten im Irak, hat sogar strenge Richtlinien für Tanz jeglicher Art erlassen. Die irakischen Tänzerinnen proben dennoch mit ihren Kollegen weiter, in der Hoffnung, dass sich das Chaos um sie wieder legt und sie den Glanz früherer Zeiten, in denen sie in ausverkauften Hallen performten, bald wieder erleben.

Auch im Nachbarstaat Iran unterliegt das kulturelle Leben strengen Regeln. Den Kunstschaffenden gelingt es aber dennoch immer wieder, Nischen der Kreativität zu finden und damit eine lebendige iranische Kulturszene zu schaffen. Auch wenn diese Triumphe manchmal nicht von langer Dauer sind. So gelang es beispielsweise der deutschen Choreografin Helena Waldmann, ihre Kreation "Letters from Tentland" (2005) mit iranischen Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf die Bühnen zu bringen. Zwar ist Tanz im Iran verboten, aber nicht wenn es sich dabei um "rhythmische Bewegungen" als Teil der Dramaturgie handelt. Also steckte Waldmann die iranischen Künstlerinnen in Zelte - denn unter den Zelten ging vieles, was sonst nicht möglich wäre. Derart choreografisch eingepackt, wurde das Stück 2005 auf dem Fadjr Festival in Teheran uraufgeführt, tourte anschließend ein Jahr lang um die Welt und wurde in 17 Ländern gezeigt, darunter auch beim ImPulsTanz Festival 2005.

Im Umfeld des Regierungswechsels im vergangenen Jahr war das Stück dem Regime in Teheran dann doch ein Dorn im Auge und so wurden die weiteren geplanten Aufführungen seitens des iranischen Veranstalters abgesagt. Helena Waldmann suchte daraufhin nach iranischen Schauspielerinnen, die in Deutschland im Exil leben und choreografierte mit ihnen das neue Stück "Return to Sender" als Antwort.

Spielen dürfen die Künstlerinnen von "Letters from Tentland" das Stück nicht mehr. Sie dürfen auch nicht mehr mit Helena Waldmann in Kontakt treten. Doch immerhin gelang es einer der Tänzerinnen am diesjährigen fünfwöchigen danceWEB Europe Scholarship-Programme im Rahmen des ImPulsTanz Festivals 2006 teilzunehmen. Ein kleiner Triumph!

Kunst ist eben, wenn man trotzdem tanzt.
© Franz Kümmel