Zwei Hallen, vier Studios, eine Loggia, eine Lounge und zahlreiche Nebenflächen für Künstlergarderoben, Produktionsbüros und Technik: Berlin ist um 2.500 Quadratmeter frei finanzierte Fläche für Kunst und Kultur reicher. Die neue Stätte nennt sich
Radialsystem V und verdankt ihren Namen dem 100 Jahre alten Pumpwerk, das um 1904 als Teil des Berliner Abwassersystems am Ufer der Spree erbaut wurde. Jahrelang stand das zum Teil vom Krieg zerstörte Gebäude leer, bis sich ein privater Investor für den Umbau fand. Die Radialsystem V GmbH übernimmt als neu gegründetes Unternehmen mit Unterstützung der gemeinnützigen Radial Stiftung die Verantwortung für den Kulturbetrieb.
„Dialog der Künste“ lautet die Devise des Hauses. Musik, Tanz, Bildende Kunst und Neue Medien sollen hier aufeinandertreffen, neue Formen und Konzepte für innovatives Musiktheater, szenische Konzerte, zeitgenössischen Tanz und Ausstellungen entwickelt und realisiert werden. Auch
Sasha Waltz & Guests wird in Zukunft intensiv mit dem neugegründeten Haus am Spreeufer zusammenarbeiten. Waltz hatte sich Ende des vergangenen Jahres von der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz getrennt. Das „Radialsystem“ betrachte sie künftig als ihr „Fundament“, konstatierte die 43-Jährige in einem Interview, betonte aber: „Ich bin nur zu Gast, das finde ich außerordentlich angenehm." Sie sei nur für ihre Tänzer verantwortlich, nicht für das gesamte Haus. So präsentierte die nun im Radialsystem residierende Waltz-Truppe am 14. September ihre erste Neuproduktion. In „Dialoge 06 – Radiale Systeme“ avanciert das ehemalige Pumpwerk zum Ort der Erkundung. Der Zuschauer kann sich das Gebäude während der Performance selbst erschließen, es von außen, vom Wasser her betrachten und die Hallen, Säle und Studios erforschen. (Weitere Vorstellungstermmine: 27.-30.9.2006).
Ernst nähme das Radialsystem aber auch die Erfordernisse veränderter gesellschaftlicher Strukturen, wobei das Angebot familienkompatible Veranstaltungsformen und Kinderbetreuung während ausgewählter regulärer Veranstaltungen einschließen würde. Im Zentrum aller Aktivitäten stünde allerdings die Idee einer Akademie als Wissensforum, um eine neue Künstlergeneration in der Praxis auszubilden.
Bleibt also abzuwarten, wie sich dieses Projekt im derzeit heißdiskutierten
Tanzförderprogramm etablieren wird.
In diesem Zusammenhang zum Schluss noch ein Programmhinweis:
MO, 11.12.06 , 23:10, 3SAT -
TanzZeit - Theater im Fernsehen:
„Tanz in Schulen“
Ein Film von Daniela Schmidt-Langels und Eva Schmitz-Gümbel
Seit August 2005 gibt es in Deutschland Tanzen als ganz normales Unterrichtsfach - und zwar an 37 Berliner Schulen. Es ist ein einzigartiges Pilotprojekt: Internationale Tänzer und Choreografen unterrichten zeitgenössischen kreativen Tanz. Ziel des Projekts ist es, Tanz an Schulen zu etablieren, wenn möglich in ganz Deutschland. Die Zeit scheint reif für solche Initiativen: Unbewegliche und gelangweilte Schüler und der anhaltende PISA-Schock lassen Verantwortliche nach neuen Lernansätzen suchen. "TanzZeit" beobachtet drei Klassen in ihrem neuen Unterrichtsfach: eine 4. Klasse in einem bürgerlichen Viertel, eine multikulturelle 6. Klasse in Kreuzberg und eine 6. Klasse in Neukölln mit einem Ausländeranteil von mehr als 80 Prozent. Die Dokumentation zeigt erstaunliche Entwicklungen bei den Kindern und macht deutlich, welche Kraft im zeitgenössischen Tanz liegt. Mit den Beobachtungen der Kinder, ihrer Freude am körperlichen Ausdruck und ihren ersten Erfahrungen mit Tanz als Kunstform entsteht ein neues Bild dieser künstlerischen Möglichkeit.