Im September 2002 wurde das neue Gebäude von Dance Theater Workshop in New York eröffnet, im Februar das neue Laban Centre in London. Michail Baryshnikov plant die Eröffnung seines interdisziplinären Tanzzentrums für 2004, und die österreichische Tanzcommunity freut sich über das bevorstehende Opening des Choreographic Centre Linz. Das Wehklagen der am ökonomischen Druck marodierenden, internationalen Tanzszene wird hin und wieder von kurzen Freudenmomenten durchbrochen. Nämlich dann, wenn wie in den erwähnten vier Fällen neue Räume gewonnen oder alte erweitert werden konnten. Ein kleiner Überblick über „angewandte Tanzarchitektur“.
Dance Theater Workshop (DTW) beherbergt seit der Wiedereröffnung nicht nur ein vergrößertes Theater, eine Galerie und ein Café, sondern konnte auch seine Programme erweitern. Zum Beispiel um das
Artist Resource and Media Lab (für KünstlerInnen, die mit digitalen Medien arbeiten) und
Outer Edge, eine interdisziplinäre Produktions- und Performancereihe, die speziell für die Gay-Community entwickelt wurde. DTW-Direktor David White, „the Godfather, more or less, of New York‘s downtown dance scene“ (© The Village Voice) spricht von einem „building for tomorrow“, das den Charakter von DTW als zukunftsorientiertes Tanzzentrum des 21. Jahrhunderts betont: „we want to be ready for what is needed 25 years from now“.
Visionär bis futuristisch ist Berichten zufolge auch der Anblick des neuen
Laban Centres in London mit seiner semi-transparenten Fassade. Liebevoll bereits
„rainbow building“ getauft, wurde es von der britischen Presse hauptsächlich aufgrund seiner Architektur gewürdigt und als bemerkenswerte stadtplanerischer Entscheidung diskutiert. Ist es doch ausgerechnet in einem der ärmsten Stadtteile der Metropole, Deptford Creek, gebaut, einem „industrial wasteland“, mit extrem hoher Arbeitslosigkeit und einem besonders großen Flüchtlingsanteil. Ob das Centre, das neben der Tanzausbildung auch Kurse für Laien anbietet, die Revitalisierung von Deptford Creek positiv beeinflussen und beschleunigen kann, wird sich weisen.
Etwas weniger herb, aber durchaus auch „industrial“ ist die Umgebung des
Choreographic Center Linz. Im Hinterhof eines Bandagisten-Bedarf-Lagers befindet sich die renovierte Halle des zukünftigen Zentrums, das im Mai mit zwei Studios eröffnet werden soll. An der Hafenstraße unweit des Posthofs gelegen, wird das CCL ab Mai über zwei und später ein drittes Studio mit Studiobühne verfügen. Die Initiatoren rund um Esther Linley wollen außerdem
Eigenproduktionen, nationale und internationale Koproduktionen, Residencies und Training durchführen. In diesem Fall wurde die Standortwahl aber wohl weniger aus stadtplanerischen Gründen getroffen, als vielmehr durch das Budget bestimmt.
Über Michail Baryshnikovs Pläne für ein interdisziplinäres Tanzzentrum in New York, das im Besonderen dem Austausch zwischen etablierten und jungen KünstlerInnen gewidment sein wird, ist noch wenig bekannt. Das künstlerische Komittee des
Baryshnikov Center for Dance ist aber bereits jetzt prominent mit KünstlerInnen wie wie Pedro Almodovar, Susan Sontag und William Forsythe besetzt. Ein Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Sontag und Baryshnikov ist auf
http://www.goodnewsbroadcast.com/baryshnikov zu lesen. Den detaillierteren Verflechtungen von Tanz und Architektur kann man im Übrigen von 8.-10. Mai in Hamburg bei einem Symposion zum Thema „Grenzen und Öffnungen in Tanz und Architektur“ nachgehen, Information dazu unter
http://www.koinzi.de.