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Artist
Wim Vandekeybus (BE)
Ultima Vez
Geboren wurde der Regisseur, Choreograf, Schauspieler und Fotograf 1963 im belgischen Herenthout. In der ländlichen Gegend als Sohn eines Veterinärs aufgewachsen, kam Vandekeybus früh in Kontakt mit Tieren, die sich in der Natur frei bewegen konnten. Ihre instinktiven Reaktionen und Bewegungen sowie ihr Vertrauen in die eigene Körperkraft faszinierten ihn und wurden zum Leitbild seiner Arbeit. Vandekeybus‘ Laufbahn begann in Leuven mit einem Studium der Psychologie, das er jedoch abbrach, da ihn, wie er selbst sagte, der Überfluss an „objektiver Wissenschaft“ irritierte. Was blieb war sein reges Interesse an der komplexen Beziehung zwischen Körper und Geist. Ein Workshop bei dem flämischen Theaterregisseur und -autor Paul Peyskens brachte Vandekeybus zunächst zum Theater. Tanzkurse in Klassik, Modern und Tango folgten, und schließlich begann er sich auch für Film und Fotografie zu interessieren. 1985 nahm Vandekeybus erfolgreich an einer Audition bei Jan Fabre teil und ging anschließend mit dem Stück „The Power of Theatrical Madness“, in dem er einen der beiden nackten Könige darstellte, auf Welttournee. In dieser Zeit lernte er den Maler und Fotografen Octavio Iturbe in Madrid kennen, der später ein wichtiger Partner seines künstlerischen Schaffens wurde. Es war 1986, als sich Wim Vandekeybus für einige Monate mit einer Gruppe junger, unerfahrener TänzerInnen nach Madrid zurückzog, um an seiner ersten Produktion zu arbeiten. Unter dem Namen „Ultima Vez“ – was im Spanischen „das letzte Mal“ bedeutet - gründete er seine eigene Kompanie und feierte ein Jahr später mit „What the Body Does Not Remember“ im Toneelschuur in Haarlem (Niederlande) Premiere. Damals flogen Körper und Steine durch die Luft – im letzten Moment aufgefangen von den Kollegen. Jede Gestik musste auf den Zeitpunkt genau eingehalten werden. Die PerformerInnen setzten ihr Vertrauen in die Sache und verließen sich auf ihren Instinkt. Und es funktionierte. Obwohl „What the Body Does Not Remember“ auf Skepsis stieß, eroberte das Stück schon bald die internationalen Bühnen. 1988 wurde Wim Vandekeybus in New York für sein Debütwerk, das als „knallharte Konfrontation von Tanz und Musik“ gelobt wurde, mit dem Bessie ausgezeichnet.

Seitdem kreierte Wim Vandekeybus an die 20 Performances mit wechselnder internationaler Besetzung und realisierte fast genauso viele Filme und Videoproduktionen, wobei Musik von Anfang an ein eigener und wichtiger Teil seiner Stücke war. Die Kompositionen sind unter anderem Peter Vermeersch, Thierry De Mey, David Byrne, Marc Ribot, Charo Calvo, Eavesdropper sowie David Eugene Edwards. 1989 kreierte er nach einer Residenz am Centre National de Danse Contemporaine d‘Angers das Stück „Les porteuses de mauvaises nouvelles“ und erhielt dafür seinen zweiten Bessie Award. „The Weight of a Hand“ von 1990, eine Konfrontation zwischen Schauspielern und Musikern auf der Bühne, basierte auf dem choreografischen Material der ersten beiden Stücke. Im selben Jahr entstand in Zusammenarbeit mit Walter Verdin und Octavio Iturbe das Tanzvideo „Roseland“, in dem er ebendieses choreografische Material in die bemerkenswerte Kulisse eines baufälligen Brüsseler Kinos platzierte. „Immer das Selbe gelogen“ (1991) war das einfühlsame Porträt des damals 89-jährigen und heute verstorbenen deutschen Varietékünstlers Carlo Verano, mit dem Vandekeybus eine tiefe Freundschaft verband. Während sich seine ersten Produktionen durch den fehlenden Handlungsstrang auszeichneten, kamen in seinen späteren Kreationen immer mehr narrative und theatralische Elemente hinzu: Texte, aber auch literarische, mythologische und philosophische Anspielungen. Im Juni 1992 inszenierten Wim Vandekeybus und Walter Verdin „La Mentira“, ein Tanzvideo basierend auf „Immer das Selbe gelogen“, aufgenommen im deSingel in Antwerpen sowie in der rauen und verlassenen Landschaft rund um Granada in Südspanien. In „Her Body Doesn‘t Fit her Soul“ (1993) arbeitete Wim Vandekeybus erstmals mit blinden TänzerInnen zusammen: die Blindheit als Metapher für die Unterwerfung des Körpers an seine Instinkte, für die Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit, aber auch für seine Kraft. Vandekeybus‘ Kurzfilm „Elba and Federico“ war Teil der Performance. Seitdem spielte das Medium Film eine wichtige Rolle in seinen Arbeiten und wurde zu einem festen Bestandteil seiner Choreografien. Von 1993 bis 1999 war Wim Vandekeybus Artist-in-Residence am KVS, dem Königlichen Flämischen Theater in Brüssel. Ein Film – gedreht in Marokko – sowie Kurzgeschichten von Paul Bowles und Milorad Pavic, bildeten das Thema zu „Mountains Made of Barking“ (1994). 1995 kreierte Wim Vandekeybus mit „Alle Größen decken sich zu“ ein Theaterstück, das auf dem Leben seines mittlerweile verstorbenen Freundes Carlo Verano basierte. Im selben Jahr führte Vandekeybus sein Debütwerk „What the Body Does Not Remember“ wieder auf. 1996 folgte „Bereft of a Blissful Union“, ein groß angelegtes Stück mit 12 TänzerInnen und 12 Musikern sowie integrierten Film- und Schauspiel-Sequenzen. Die Musik dazu kam von den Komponisten Peter Vermeersch und George Van Dam und wurde live vom The Smith Quartet sowie der Rockband X-Legged Sally eingespielt. Es folgte der Video-Kurzfilm „Dust“, der auf einer Szene des Stücks „Mountain Made of Barking“ und einem Teil der Performance von „Bereft of a Blissful Union“ basierte, sowie der Kurzfilm „Bereft of a Blissful Union“. Als Gastchoerograf der israelischen Batsheva Dance Company kreierte Vandekeybus das Stück „Exhaustion from Dreamt Love“, das 1996 an der Oper von Tel Aviv Premiere feierte. 1997 arbeitete Vandekeybus erstmals nach „The Power of Theatrical Madness“ wieder mit Jan Fabre zusammen: „Body, Body on the Wall“ war ein Solo, das Fabre eigens für Vandekeybus geschrieben und inszeniert hatte und in das er einen Kurzfilm einbettete. Mit Ultima Vez kreierte Vandekeybus im selben Jahr „7 for a Secret never to be told“. Aus einer Szene dieser Performance entstand 2001 eine Videoadaption, die unter dem Titel „Silver“ publiziert wurde. 1998 arbeitete Wim Vandekeybus mit Franz Marijnen, Regisseur und künstlerischer Leiter des Royal Flemish Theatre,gemeinsam an „The Day of Heaven and Hell“, ein Stück über das Leben und Werk von Pier Paolo Pasolini. Marijnen zog sich jedoch in der Probenphase zurück und überließ das Projekt Vandekeybus. 1999 feierte „In Spite of Wishing and Wanting“, eine Kreation mit nur männlichen Tänzern und mit Musik von David Byrne, Premiere. Die Performance inkludierte den Kurzfilm „The Last Words“, der auf zwei surrealistischen Kurzgeschichten von Julio Cortázar basierte. Eine Tanzvideoadaption, gedreht am Vooruit Theater in Ghent, dem Hippodrome von Watermaal-Bosvoorde sowie in den Straßen von Ferrara (Italien), wurde 2002 veröffentlicht.

Als Wim Vandekeybus‘ Vater starb, hatte dies einen starken Einfluss auf das Stück “Inasmuch as Life is borrowed...” (2000), dessen zentrales Thema vom Leben und Tod handelte und für das Marc Ribot die Musik schrieb. Für „Scratching the Inner Fields“ (2001) arbeitete Vandekeybus ausschließlich mit weiblichen Performern und dem belgischen Autor Peter Verhelst zusammen. „What the Body Does Not Remember“ wurde 2002 im Rahmen des 10. Klapstuk Festivals im belgischen Leuven wieder aufgeführt. Inspiriert von der Autorin Djuna Barnes führte die junge deutsche Schaupielerin Nicola Schössler im Rahmen des Praktikumprojekts „de Stokerij“ (KVS/de bottelarij) 2002 in Vandekeybus‘ Solostück „s‘Nachts“ die Regie. Ebenfalls 2002 bat der Tänzer und Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui Wim Vandekeybus im Rahmen des „Le Vif du Sujet“ (SACD / Festival d’Avignon) ein Solo für ihn zu kreieren. Ausgangspunkt war Paul Bowles‘ Kurzgeschichte „The Circular Valley“. „It“ feierte 2002 beim Festival d’Avignon Premiere. Eine abendfüllende Version dieses Stücks mit einem integrierten Film von Wim Vandekeybus folgte ein Jahr später. „Blush“ (2002) markierte den Beginn einer neuen Kooperation zwischen Ultima Vez und dem KVS. Die Musik dazu kam aus der Feder des amerikanischen Sängers und Songschreibers David Eugene Edwards (16 Horsepower, Woven Hand). Für die Texte setzte Wim Vandekeybus seine Zusammenarbeit mit dem Autor Peter Verhelst fort. 2005 kam die Tanzfilmadaption von „Blush“, die an verschiedenen Orten in Brüssel und Korsika gedreht wurde, auf den Markt. Für „Sonic Boom“ (2003), eine Koproduktion von Ultima Vez und der Toneelgroep Amsterdam, lieferte wieder Peter Verhelst die Texte. In dem Stück konfrontierte Vandekeybus drei erfahrene Schauspieler der renommierten Toneelgroep mit acht TänzerInnen seines eigenen Ensembles.

„PUUR“ nannte Wim Vandekeybus seine Kreation für 13 Performer – unter ihnen der 79-jährige flämische Schauspieler und Dramatiker Tone Brulin. Sie wurde 2005 beim Singapore Arts Festival uraufgeführt. Ein Workshop mit Jugendlichen im Rahmen des Brüsseler Literaturfestivals „Het Groot Beschrijf“ (2002) war der Anfang einer Reihe von Projekten mit Kindern und Jugendlichen, die Vandekeybus leitete. Auf „Bericht aan de Bevolking/Avis à la Population“ (2002) folgten „Viva!“ (2004), „Rent a kid, no bullshit!“ (2005) und „Bêt noir“ (2006), das auf einer Adaption der Ödipus-Saga von Jan Decorte basierte.

Neben „Spiegel“ kreierte Wim Vandekeybus 2006 als Gastchoreograf der spanischen Tanzkompanie Compañia Nacional de Danza (künstlerische Leitung: Nacho Duato) auch ein Stück für 16 Tänzer und war außerdem einer der sieben Choreografen, die auf Einladung der belgischen Kultkompanie Victoria im Rahmen des Projekts „Nachtschatten“ eine Choreografie für einen professionellen Stripper kreierte. Im April 2007 feierte schließlich der Tanzfilm „Here After“ Premiere, der auf dem Stück „PUUR“ basiert. 2008 präsentierte Wim Vandekeybus die Kreation "Menske".

Aktuell arbeitet Wim Vandekeybus an dem Drehbuch seines ersten Spielfilms.
Performances
1997:
Wim Vandekeybus & Ultima Vez
7 for a Secret never to be told (Choreographer)
1995:
Wim Vandekeybus & Ultima Vez
Alle Größen decken sich zu (Choreographer)
1994:
Wim Vandekeybus & Ultima Vez
Mountains Made of Barking (Choreographer)
1993:
Wim Vandekeybus & Ultima Vez
Her body doesn't fit her soul (Choreographer)
1991:
Wim Vandekeybus & Ultima Vez
Immer das Selbe Gelogen (Choreographer)
1989:
Wim Vandekeybus & Ultima Vez
Les Porteuses de Mouvaises Nouvelles (Choreographer)
Research
1999: Coaching Project
Workshops
1995: Coaching Project - Contemporary
Photo: Wim Vandekeybus © Jeromede Perlinghi