Artist
Marco Berrettini (CH)
Marco Berrettini / *Melk Prod.
Marco Berrettini ist italienischer Tänzer und Choreograf. Sein Interesse für den Tanz fängt 1978 an, als er die deutsche Disco-Meisterschaft gewinnt. Daraufhin entscheidet er, sich technisch weiterzubilden. In den nächsten 3 Jahren wird er Jazz, Modernen und Klassischen Tanzunterricht besuchen. Neben seiner normalen Schulausbildung arbeitet er für die Tanzschule Bier in Wiesbaden, für die er, mit einer 28 Mann starken Truppe, Gala-Abende choreografiert. Dadurch kommt er zum ersten Mal mit den amerikanischen Musical-Filmen in Kontakt, die er intensiv studiert, um eventuelle Tanzszenen mit seiner Formation, nachzustellen.
Nach dem Abitur beginnt er seine Tanzausbildung; zunächst an der London School of Contemporary Dance, um sie dann an der Folkwangschule Essen, unter der Leitung von Hans Züllig und Pina Bausch, abzuschließen. In Essen und Wuppertal entwickelt er sein Interesse für das Tanztheater und choreografiert sein erstes „zeitgenössisches“ Solo: „Der geile Weihnachtsmann“. Die Technik Jooss/Laban bedeutet seither alles für ihn. Und in den nächsten 10 Jahren wird er unter dem starken choreografischen Einfluss Pina Bauschs stehen. Besonders, was die Form angeht, die ihm ausgesprochen frei anmutet. Was den Inhalt der Stücke diverser Tanztheatertruppen wie Pina Bausch, Reinhild Hofmann und anderer angeht, hat er mehr Vorbehalte. Der Generationsunterschied macht sich spürbar.
Sofort nach seiner Tanzausbildung versucht er, in Wiesbaden seine Compagnie aufzubauen. Ohne jeglichen Erfolg, muss man sagen. Rückblickend lässt sich vielleicht erwähnen, dass zu Anfang der 1980er Jahre, unabhängige Tanzcompagnien es eher schwer hatten. Zugegeben, Berrettinis Arbeit war auch nicht die zugänglichste. Neben seinen Versuchen sich als revolutionärer Choreograf einen Namen zu machen, studiert er parallel dazu an der Frankfurter Universität Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie und Theaterwissenschaften. Ein paar Jahre lang schlägt sich Berrettini eher schlecht als recht im Tanzbereich durch. Er hätte locker als klassischer Solist oder im Wuppertaler Tanztheater arbeiten können, aber er glaubt fest daran, dass es irgendwann mal klappen wird. Seine Miete zahlt er 3 Jahre lang eher durch gewonnene Backgammon-Spiele als lukrative Theatergagen.
1988 schließt er einen Vertrag mit einer französischen Tanzcompagnie ab. Er ist Deutschlands überdrüssig und erhofft sich in Frankreich mehr Chancen. Diesmal wird er Recht behalten. Neben seiner Tänzer-Arbeit für den Marseiller Choreografen Georges Appaix, schafft er seine eigenen Stücke. Seine Tanzcompagnie hieß damals noch Tanzplantation.
1999 produziert Kampnagel Hamburg sein Werk „MULTI(S)ME“. Seine inzwischen aus 12 TänzerInnen bestehenden Compagnie ändert, einem Vorschlag des damaligen Intendanten Res Bossharts folgend, den Namen. *MELK PROD. ist geboren.
Seither hat Marco Berrettini mit seiner Compagnie mehr als 25 Stücke produziert und mit einigen auch Preise gewonnen, was immer dies auch heißen mag.
Im Dezember 2004 wird „No Paraderan“ im Theatre de la Ville in Paris uraufgeführt. Die Premiere entfacht einen Riesenskandal. In nicht einmal 6 Monaten verliert der Choreograf mehr als die Hälfte seiner Auftritte. Dazu kommt die immer schwerer werdende kultur-finanzielle Lage Frankreichs und anderer EU-Länder. Es ist nicht mehr die Zeit für unabhängige Gruppen. 2 Jahre lang durchlebt die Compagnie eine relativ schwere Krise und verliert 3 seiner Mitglieder. Aber ab 2007 stabilisiert sich die Lage wieder. Sein letztes Stück „*MELK PROD. goes to New Orleans“ (für welches die Compagnie tatsächlich nach New Orleans gereist ist), kommt gut an. Seine Tänzer, der jüngste 26, der älteste 57 Jahre alt, werden mit der Zeit immer besser. Wie guter Rotwein.
Berrettinis Arbeit erstreckt sich von der Performance im Museum bis hin zu Film-Produktionen mit ausländischen Regisseuren. Von Video-Installationen im Palais de Tokio bis hin zu gemeinsamen Abendessen mit berühmten Leuten die ihn nicht kennen. 3 Jahre lang leitet er sogar den Tanzbereich der Hochschule für Theater La Manufacture in Lausanne. Zurzeit erarbeitet die Compagnie das neue Stück „Si, Viaggiare“. Ein Stück für 9 Tänzer die versuchen werden, das Buch „Blasen“ von Peter Sloterdijk in bühnenreifes Material zu verwandeln. Seine beste Kreation ist und bleibt aber seine 6 jährige Tochter Stella, mit der er in Genf lebt.
Marco Berrettini für Marco Berrettini
Das neue Stück „Si, Viaggiare“ war bei ImPulsTanz 2011 zu sehen.
Photo: La Bâtie Festival de Geneve 2008 © Isabelle Meister